Bipolare Störung: Langfristige Veränderungen des Gehirns

Beschleunigte Vergrößerung der Hirnventrikel und Gehirnanomalien durch manische Episoden bei Patienten mit bipolarer Störung

04.10.2021 Patienten mit bipolarer Störung und manischen Episoden weisen mit größerer Wahrscheinlichkeit im Laufe der Zeit anormale Hirnveränderungen auf, so das Ergebnis einer der bisher größten Längsschnittstudien zum Thema Hirnbildgebung in diesem Bereich.

Die von Forschern des Karolinska Institutet und der Universität Göteborg in Schweden geleitete Studie bestätigt außerdem einen Zusammenhang zwischen bipolaren Störungen und einer beschleunigten Vergrößerung der Hirnventrikel. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Biological Psychiatry veröffentlicht.

Frühere bildgebende Studien haben strukturelle Anomalien in einigen Hirnregionen von bipolaren Patienten festgestellt. Zu diesen Anomalien gehört eine geringere Kortikaldicke im Vergleich zu gesunden Personen. Der Kortex, die äußere Schicht des Gehirns, schrumpft mit zunehmendem Alter auf natürliche Weise, aber eine beschleunigte kortikale Ausdünnung wurde mit verschiedenen Hirnerkrankungen in Verbindung gebracht.

Die meisten bisherigen Neuroimaging-Studien zur bipolaren Störung waren klein und im Querschnitt angelegt, d. h., sie erfassten nur eine Momentaufnahme in der Zeit. Daher fehlte es an groß angelegten Studien, die die Veränderungen des Gehirns im Laufe der Zeit untersucht haben.

In dieser Studie behoben die Forscher diese Lücken, indem sie Magnetresonanztomographie-Daten von 14 Forschungszentren weltweit sammelten, um Veränderungen des Gehirns über einen Zeitraum von bis zu neun Jahren zu untersuchen. An der Studie nahmen 1.232 Personen teil, darunter 307 Patienten mit bipolarer Störung und 925 gesunde Kontrollpersonen.

Veränderungen im präfrontalen Kortex

Die Forscher fanden einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der manischen Episoden und dem Ausmaß der kortikalen Gehirnveränderungen, die während des Untersuchungszeitraums auftraten: Während mehr manische Episoden mit einer schnelleren Ausdünnung der Kortikalis verbunden waren, zeigten Patienten, die keine Episoden erlebten, entweder keine Veränderungen oder sogar eine Zunahme der Kortikaldicke.

Am deutlichsten waren diese Veränderungen im präfrontalen Kortex, der für die Emotionsregulation, Planung, Entscheidungsfindung, Impulskontrolle und andere wichtige kognitive Funktionen von zentraler Bedeutung ist.

Beim Vergleich von Patienten mit bipolarer Störung und gesunden Personen unterschieden sich die Veränderungen im Laufe der Zeit signifikant in drei Hirnregionen: den Ventrikeln – die Liquor produzierenden Ventrikel, wichtig für den Schutz des Gehirns – und zwei Bereichen, die mit Erkennung und Gedächtnis verbunden sind: dem fusiformen und dem parahippocampalen Kortex. Die bipolaren Patienten wiesen zwar eine schnellere Vergrößerung der Hirnventrikel auf als die Kontrollgruppe, doch die fusiformen und parahippocampalen Kortikalregionen waren im Durchschnitt langsamer ausgedünnt.

Anzeichen einer neuroprogressiven Störung

Die abnormen Ventrikelvergrößerungen und vor allem die Verbindung zwischen kortikaler Ausdünnung und manischen Symptomen deuten darauf hin, dass es sich bei der bipolaren Störung in der Tat um eine neuroprogressive Störung handeln könnte, was die Verschlimmerung der bipolaren Symptome bei einigen Patienten erklären könnte, sagt der Studienautor Christoph Abé.

Es ist wichtig, dies in Zukunft zu klären und die genauen Ursachen zu ermitteln, um Stimmungsschübe und deren Auswirkungen auf das Gehirn zu verhindern.

Mögliche Erklärungen

Die Forscher merken an, dass der Befund einer langsameren kortikalen Ausdünnung in einigen Hirnregionen von bipolaren Patienten möglicherweise durch sogenannte Flooring-Effekte erklärt werden könnte, da Patienten mit bipolaren Störungen in der Regel von Anfang an eine geringere kortikale Dicke aufweisen als gesunde Personen.

Eine andere mögliche Erklärung ist, dass dieses Ergebnis strukturelle Verbesserungen aufgrund von Behandlungseffekten widerspiegelt, wie z. B. neuroprotektive Wirkungen, die auf Lithiummedikamente zurückzuführen sind. Daher spiegeln die in dieser Studie beobachteten Veränderungen des Gehirns nicht unbedingt die Veränderungen wider, die im natürlichen Verlauf der bipolaren Störung auftreten, wenn sie unbehandelt bleibt.

© Psylex.de – Quellenangabe: Biological Psychiatry (2021). DOI: 10.1016/j.biopsych.2021.09.008

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