Depression: Krankheitsverlauf zeigt sich in Hirnaktivität

Der Krankheitsverlauf einer schweren depressiven Störung ist mit einer veränderten Aktivität des limbischen Systems während der Verarbeitung negativer Emotionen verbunden

11.10.2021 Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Patienten mit einer Depression in der Krankengeschichte während einer aktuellen Depression umso weniger emotional auf negative Gesichter reagieren, je schwerer die Erkrankung war.

Unklar ist bislang, ob dies bedeutet, dass eine schwere Depression die Reaktionen des Gehirns auf Emotionen im Laufe der Zeit verändert, oder ob Menschen mit stärkeren emotionalen Reaktionen auf negative Gesichter weniger anfällig für langfristige Depressionen sind. Beides könnte Auswirkungen auf die künftige Patientenversorgung haben.

Diese Arbeit wurde auf der ECNP-Konferenz in Lissabon vorgestellt, nachdem sie vor kurzem veröffentlicht wurde.

Welches sind die direkten Auswirkungen von Depressionen auf die Gehirnaktivität?

Depressionen stellen eine große Belastung für die psychische Gesundheit dar, aber die direkten Auswirkungen auf die Gehirnaktivität werden gerade erst erforscht. Die Gehirne depressiver Patienten weisen normalerweise in bestimmten Bereichen eine höhere Aktivität auf als die Gehirne nicht depressiver gesunder Menschen.

Nun hat eine Gruppe deutscher Wissenschaftler herausgefunden, dass die Hirnaktivität von Patienten, die derzeit depressiv sind und an einer lang anhaltenden und schweren Depression gelitten haben, zwar immer noch höher ist als bei nicht depressiven Menschen, aber geringer als die von Patienten mit einer weniger schweren und lang anhaltenden Depression. Bei Patienten, bei denen die Depression nicht mehr besteht, wurde kein spezifischer Zusammenhang zwischen der Hirnaktivität und einer früheren Depression festgestellt.

Die Studie

Die Forscher untersuchten 201 schwer depressive Patienten und 161 Patienten, die ihre Depression überwunden hatten (remittiert). Jeder Patient wurde über die Dauer und das Ausmaß seiner früheren Depression befragt, was es den Forschern ermöglichte, eine individuelle Depressionsanamnese zu erstellen.

Während der Studie wurden alle Patienten in einem Kernspintomographen auf Veränderungen im Gehirn überwacht, während die Patienten eine Reihe von beunruhigenden Bildern sahen – ängstliche oder wütende Gesichter.

Gehirnaktivitäten in bestimmten Hirnregionen

Die Forscher um Hannah Lemke (Universität Münster) beobachteten, dass die verunsichernden Bilder von negativen Gesichtern Aktivität in bestimmten Hirnregionen auslösten, vor allem in der Amygdala, dem Parahippocampus PHG und der Insula, also in Bereichen, in denen Emotionen verarbeitet werden.

Das Ausmaß der Hirnaktivität war jedoch je nach Schwere und Dauer der Depression, unter der die Patienten bereits gelitten hatten, unterschiedlich. Die Patienten, bei denen die Depression zurückgegangen war, zeigten ein bestimmtes Aktivitätsniveau, aber die Patienten, bei denen die Depression noch andauerte, wiesen eine geringere Aktivität in diesen Hirnbereichen auf.

Dies war bei jedem Patienten anders, aber im Allgemeinen reagierten die Gehirne umso weniger auf die Fotos, je schwerer die Depression in der Vergangenheit war. Bei den Patienten, bei denen die Depression abgeklungen war, stand die Reaktion des Gehirns in keinem Zusammenhang mit der früheren Depression, was auf die Bedeutung der Remission der Krankheit für die Gesundheit des Gehirns hinweisen könnte.

Interpretation der Ergebnisse

Die Interpretation dieser Ergebnisse erfordert weitere Arbeit, sagt die Forscherin. Es sei verlockend anzunehmen, dass die verringerte Hirnaktivität eine Form darstellt, mit der das Gehirn eine langfristige Depression emotional bewältigt, und dass die erste depressive Episode sich vielleicht qualitativ von der aktuellen Episode unterscheidet.

Es scheint, dass sich die zugrundeliegende Hirnaktivität, die mit den emotionalen Informationen einer schweren Depression zusammenhängt, im Verlauf der Krankheit verändern kann. Es müssen aber auch alternative Erklärungen in Betracht ziehen, z. B. dass Menschen, die Emotionen auf eine bestimmte Weise verarbeiten, anfälliger für langfristige Depressionen sind.

In jedem Fall haben wir es mit verschiedenen Gesichtern der Depression zu tun, die sich unterschiedlich auswirken und zu unterschiedlichen Ergebnissen führen, sagt die Wissenschaftlerin. Es werden nun Längsschnittstudien benötigt, in denen einzelne depressive Patienten über Jahre hinweg beobachtet werden, um zu sehen, wie sich ihre Gehirnaktivitäten verändern.

© Psylex.de – Quellenangabe: Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging (2021). DOI: 10.1016/j.bpsc.2021.05.008

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