Gehirn: Verbindung zwischen Lernen und sozialer Anpassung

Gehirnmechanismen, die am Lernen beteiligt sind, beeinflussen auch die soziale Konformität

23.12.2021 Einige der Gehirnbereiche – von denen bekannt ist, dass sie beim Lernen durch Versuch und Irrtum eine Rolle spielen – werden auch aktiviert, wenn sich Menschen an soziale Normen halten.

Die Ergebnisse sind wichtig laut den Neurowissenschaftlern, denn die Änderung des eigenen Verhaltens zur Anpassung an die Mitmenschen (soziale Konformität) kann zum Aufbau einer Gemeinschaft oder – je nach den Zielen und Werten der Gruppe – zum Zusammenbruch der Gesellschaft beitragen.

Die Studie wurde in der Zeitschrift Psychophysiology veröffentlicht.

Die Ergebnisse zeigen, dass das Verhalten anderer Menschen tiefgreifende Auswirkungen auf unser Gehirn hat, was diese Hinweise als Beleg dafür verwendet, was gut oder schlecht ist, sagte Paul Bogdan von der University of Illinois Urbana-Champaign, der die Forschung zusammen mit Florin Dolcos und Sanda Dolcos vom Forschungsbereich für Psychologie des Beckman Institute for Advanced Science and Technology leitete. Wir sehen, dass unser Drang zur sozialen Anpassung ein zentraler Teil unserer Psychologie ist, der eng mit den wichtigen das Lernen unterstützenden Gehirnsystemen verbunden ist.

Das Experiment

Die Forscher wollten besser verstehen, wie das Gehirn mit sozialen Situationen umgeht. Zu diesem Zweck ließen sie die Teilnehmer eine abgewandelte Version des „Ultimatumspiels“ spielen, bei dem ein Spieler vorschlägt, wie 10 Dollar mit einem anderen zu teilen sind. Der andere Spieler, der Responder (Antwortende), kann das Angebot des Vorschlagenden entweder annehmen oder ablehnen. Lehnt der Responder die vorgeschlagene Aufteilung ab, erhält keine der beiden Parteien Geld.

Das Ziel des Spiels ist die Maximierung des eigenen Gewinns; also wäre es logisch, jedes Angebot anzunehmen, so Florin Dolcos. Aber die Leute verhalten sich im Allgemeinen nicht so. Wenn sie ein Angebot als unfair empfinden, lehnen sie es eher ab, um unfaire Partner zu bestrafen, auch wenn dies auf ihre eigenen Kosten geht.

Die Teilnehmer fungierten abwechselnd als Vorschlagende und Responder. Während des gesamten Experiments interagierten die Teilnehmer mit einem Computer, dachten aber, sie hätten es mit anderen Menschen zu tun.

Dieses Design simuliert wiederholte Interaktionen innerhalb einer Gemeinschaft und wirft ein Licht darauf, wie kooperative Beziehungen entstehen und aufrechterhalten werden, so Florin Dolcos.

Die Forscher wollten die Zusammenhänge zwischen der Reaktion der Menschen auf die Annahme oder Ablehnung ihrer Angebote durch ihre Partner und der Veränderung ihres Verhaltens nach der Beobachtung der Angebote als Responder herausfinden.

Verarbeitung im Gehirn

Unser Verhalten wird indirekt durch die Beobachtung der Handlungen von Peers (Angehörige der eigenen Gruppe) geprägt, die oft den Drang auslösen, sich anzupassen und ihr Verhalten nachzuahmen, schreiben die Autoren. Eine Schlüsselfrage ist, wie sich die neurokognitiven Systeme, die mit der Verarbeitung der Handlungen anderer Menschen verbunden sind, mit den Mechanismen überschneiden, die dem direkten Lernen aus Belohnungen und Verlusten dienen.

Das Team verwendete Elektroenzephalogramme, um die elektrische Aktivität in den Gehirnen der Teilnehmer zu verfolgen, während sie das Spiel spielten. EEG erfassen die Reaktionen des Gehirns innerhalb von Millisekunden nach einem Stimulus. Sie weisen auch auf Gehirnregionen hin, die an diesen Reaktionen beteiligt sind.

Wir haben untersucht, wie die Teilnehmer auf die Annahme oder Ablehnung ihrer Angebote reagierten, und dann nach Mustern der Gehirnaktivität gesucht, die mit ihren Entscheidungen – die Entscheidungen ihrer Partner nachzuahmen – übereinstimmten, so Sanda Dolcos.

Beeinflussung durch Verhalten der Verhandlungspartner

Das Team stellte fest, dass die Teilnehmer vom Verhalten ihrer Verhandlungspartner beeinflusst wurden.

Sie wurden großzügiger, wenn sie großzügige Angebote erhielten, und egoistischer, wenn sie egoistische Angebote erhielten, sagte Bogdan. Und der Drang zur sozialen Konformität war mit denselben EEG-Mustern verbunden wie die Änderung des Verhaltens nach Zusagen oder Ablehnungen.

Diese Ergebnisse zeigen, dass das gleiche Gehirnsystem beide Wege zur Verhaltensänderung steuert, so Bogdan. Dies deutet darauf hin, dass Menschen aus sozialen Informationen ähnlich lernen, wie sie selbst aus Versuch und Irrtum lernen.

Um also zu verstehen, wie jemand die Welt sieht, muss man die Menschen berücksichtigen, mit denen er/sie zu tun hat, so Bogdan. In den meisten Fällen sind diese ihre Ratgeber für richtig und falsch.

© Psylex.de – Quellenangabe: Psychophysiology (2021). DOI: 10.1111/psyp.13985




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