Ist der Glaube an Gott schlecht für die Psyche?

Glaube an einen Gott und psychische Gesundheit (psychologischer Distress): Studie zeigt Zusammenhang

06.01.2022 In einer im Journal for the Scientific Study of Religion veröffentlichten Studie wurde der Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Beziehung zu Gott und der psychischen Gesundheit (psychologischer Distress) anhand einer Stichprobe von mehr als 1.600 US-Amerikanern untersucht.

Danach litten religiöse Gläubige, die eine unsichere oder ängstliche Beziehung zu ihrem Gott hatten, mit größerer Wahrscheinlichkeit unter Symptomen von psychologischem Distress (also einer psychischen Belastung), darunter Angst, Paranoia, Besessenheit und Zwang.

Die Studie stützt sich auf Daten aus der Baylor Religion Survey 2010, einer nationalen Erhebung über religiöse Überzeugungen, Werte und Verhaltensweisen in den USA. Die Forschungsergebnisse geben Aufschluss darüber, wie unterschiedliche Arten der Verbindung zu einem Gott – oder der Bindung an einen Gott – mit einer schlechteren psychischen Gesundheit zusammenhängen können.

Ist eine vermeidende oder sichere Beziehung zu Gott gesünder?

Die meisten Forschungsarbeiten über die Bindung an einen Gott lassen eine einfache lineare Beziehung vermuten, bei der eine weniger vermeidende oder sichere Beziehung mit einer besseren psychischen Gesundheit und eine eher vermeidende Beziehung mit einer schlechteren verbunden ist, sagte Blake Victor Kent, Assistenzprofessor für Soziologie am Westmont College.

In der Forschung gibt es jedoch Hinweise darauf, dass die Beziehung eher wie eine auf den Kopf gestellte U-Kurve aussieht. Danach haben die Forscher also gesucht, und das haben sie auch gefunden.

Die umgekehrte Kurve wurde in einer Skala gefunden, die aus sechs Items besteht, die die Vermeidung und Nichtvermeidung in der Beziehung zu einem Gott messen. Beispielhafte Items lauten:

„Ich habe eine warmherzige Beziehung zu Gott“.
„Gott weiß, wann ich Unterstützung brauche.“
„Gott scheint wenig oder kein Interesse an meinen persönlichen Angelegenheiten zu haben“.

Die Unsicheren wiesen psychische Gesundheitsprobleme auf

Im Wesentlichen zeigen die psychologischen Befunde, dass sowohl weniger vermeidende Teilnehmer als auch diejenigen, die in ihrer Beziehung zu ihrem Gott mehr vermeidend waren, ein geringeres Maß an psychischer Belastung aufwiesen, so Studienkoautor W. Matthew Henderson, Assistenzprofessor für Soziologie an der Union University.

Das stellt die bisherige Forschung in Frage. Diese Daten deuten nämlich darauf hin, dass nur diejenigen in der Mitte – die Unsicherheit in der Beziehung zu Gott erleben – und nicht die Vermeidenden, eine schlechtere psychische Gesundheit haben.

Das bedeutet jedoch nicht, dass eine vermeidende Bindung an Gott unproblematisch ist, versucht Kent zu relativieren. Vermeidung tritt auf, wenn man aufhört, sich auf seinen Gott zu verlassen – man vertraut nicht darauf, dass Gott für einen da sein wird, und lernt, sich auf sich selbst zu verlassen, sagt er. Und das könnte sich auch auf andere Menschen übertragen.

Die Studie legt zwar nahe, dass Vermeidungsverhalten kein Anzeichen für bestimmte Aspekte der psychischen Gesundheit darstelle, aber die Autoren sind der Meinung, dass Vermeidungsverhalten dennoch zu Problemen in Beziehungen führen kann, auch in kirchlichen Beziehungen.

© Psylex.de – Quellenangabe: Journal for the Scientific Study of Religion (2021). DOI: 10.1111/jssr.12767

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