Können Persönlichkeitseigenschaften ohne eigene Motivation verändert werden?

Setzt die erfolgreiche Veränderung von Persönlichkeitsmerkmalen durch eine Intervention voraus, dass die Teilnehmer selbst zur Veränderung motiviert sind?

08.12.2021 Könnte ein Unternehmen einen Mitarbeiter zu mehr Gewissenhaftigkeit erziehen, auch wenn der Mitarbeiter nicht daran interessiert ist, diesen Charakterzug zu verbessern? Eine neue Studie legt dies nahe.

Aber die emotionale Stabilität eines Mitarbeiters zu verbessern, ohne dass er sich dafür engagiert, ist unwahrscheinlich, sagt Nathan Hudson, Professor für Psychologie an der Southern Methodist University.

Persönlichkeitsmerkmale durch Intervention verändern

Eine wachsende Zahl von Studien legt nahe, dass Persönlichkeitsmerkmale durch Intervention verändert werden können. Wie eine aktuelle Studie von Hudson feststellt, sind Persönlichkeitsmerkmale mit einer Vielzahl von Lebensergebnissen verknüpft, etwa mit der Qualität von Beziehungen und beruflichem Erfolg.

Ziel seiner kürzlich im Journal of Research in Personality veröffentlichten Studie war es, zwei Theorien zu überprüfen: dass eine erfolgreiche Persönlichkeitsintervention voraussetzt, dass die Teilnehmer selbst entscheiden, welche Eigenschaften sie verändern wollen, und dass sie sich aktiv für die Veränderung der Ziel-Eigenschaften einsetzen.

Gewissenhaftigkeit

Er fand heraus, dass Gewissenhaftigkeit – die Fähigkeit, verantwortungsbewusst, fleißig und organisiert zu sein – auch dann verbessert werden kann, wenn die Teilnehmer nicht zur Veränderung motiviert sind. Es zeigte sich, dass die Erfüllung einer Reihe von Aufgaben über einen bestimmten Zeitraum hinweg Gewohnheiten verändert und somit die Gewissenhaftigkeit verbessert.

Emotionale Stabilität

Bei der emotionalen Stabilität sah es jedoch anders aus: Die Studienteilnehmer konnten nur dann besser mit schwierigen Situationen umgehen, wenn sie sich entschieden, an ihrer emotionalen Stabilität zu arbeiten. Andernfalls erwiesen sich die Aufgaben als unwirksam, die ihnen über vier Wochen gestellt wurden.

Dies ist ein vielversprechender Hinweis darauf, dass Schulen, Unternehmen oder andere Organisationen Menschen zu relativ kleinen Veränderungen bewegen könnten, die ihnen zu einem besseren Leben verhelfen könnten, indem sie sie im Laufe der Zeit organisierter und verantwortungsbewusster machen, so Hudson. Im Gegensatz dazu scheint es, dass die emotionale Stabilität von den Menschen, die an einer Intervention teilnehmen, etwas mehr Engagement erfordern könnte.

Hudson betonte, dass es bei dieser Forschung nicht darum geht, Menschen zu kontrollieren.

Der Gedanke an die Veränderung von Persönlichkeitsmerkmalen – insbesondere wenn andere Menschen versuchen, die Persönlichkeit einer Person zu verändern – kann beängstigend klingen. Aber ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, die Gesellschaft ist voll von Eingriffen, die darauf abzielen, unsere Persönlichkeitsmerkmale zu verändern, sagte er. Zum Beispiel ist die Grundschule eine riesige Intervention, der Kindern helfen soll, intelligenter zu werden, aber auch freundlicher und geselliger, verantwortungsbewusster und fleißiger.

Frühere Forschungen von Hudson und anderen Psychologen haben gezeigt, dass Menschen, die aktiv an der Veränderung von Aspekten ihrer Persönlichkeit arbeiteten, in vielen Fällen erfolgreich die gewünschten Ergebnisse erzielten.

Bisher war jedoch nicht klar, ob eine Person auch dann erfolgreich sein kann, wenn sie sich nicht aussucht, welche Persönlichkeitseigenschaft sie verändern möchte, und wenn sie sich nicht für diese Veränderung engagiert.

Wie diese Studie durchgeführt wurde

Hudson führte zwei separate Experimente durch, um diese Frage zu beantworten. Jedes dauerte vier Monate.

Im ersten Experiment wurden 175 College-Studenten nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, um deren Gewissenhaftigkeit oder emotionale Stabilität zu verändern. Anschließend wurden ihnen Aufgaben zur Verbesserung der jeweiligen Persönlichkeitseigenschaft gestellt. Die Teilnehmer, deren Gewissenhaftigkeit verändert werden sollte, bekamen zum Beispiel Aufgaben wie „organisiert und räumt euren Schreibtisch auf“ oder „macht eine Liste mit Aufgaben, die ihr erledigen wollt“.

Bei der zweiten Studie wählten mehr als 400 Studenten an verschiedenen Universitäten aus, an welcher Eigenschaft sie arbeiten wollten. Ohne dass sie es wussten, wurde die Hälfte der Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip mit Aufgaben betraut, die auf eine Eigenschaft abzielten, die sie nicht ausgewählt hatten.

In beiden Studien wurden die Persönlichkeitsmerkmale der Studenten vor und nach der Zuteilung der Aufgaben mit dem unter Psychologen üblichen 44 Punkte umfassenden Big Five Inventory-Test gemessen.

Die Psychologen fanden heraus, dass Studierende, die mehr Aufgaben zur Förderung der Gewissenhaftigkeit bearbeiteten, eine Verbesserung feststellten, selbst wenn sie nicht wussten, warum ihnen die Aufgaben gestellt wurden. Bei Teilnehmern, die sich nicht für die Arbeit an der emotionalen Stabilität entschieden hatten, waren die Aufgaben jedoch völlig unwirksam – oder verschlimmerten diese Eigenschaft sogar.

Warum ist emotionale Stabilität anders als Gewissenhaftigkeit?

Hudson vermutet den Grund für die Wichtigkeit von Motivationen zur Veränderung der emotionalen Stabilität darin, dass diese Eigenschaft mit negativen Emotionen zu tun hat.

Für viele Menschen kann es schwierig sein, ‚einfach aufzuhören, wütend zu sein‘ oder ‚einfach aufzuhören, gestresst zu sein‘, sagte er. Er vermutet, dass indirekte Strategien zur Veränderung der Emotionen einer Person, wie das Schreiben in ein Tagebuch oder das Denken an positive Dinge, nur dann wirklich funktionieren, wenn die Menschen diese Techniken anwenden wollen, um ihre Emotionen zu verändern.

Gewissenhaftigkeit hingegen lässt sich leicht vortäuschen und im Laufe der Zeit durch mechanische Handlungen wie das Aufräumen des Zimmers oder die Verwendung eines Kalenders steigern.

Motivation ist für Interventionen, die auf Gewissenhaftigkeit abzielen, weitgehend irrelevant, solange die Teilnehmer sich an die Intervention halten, so der Psychologe.

© Psylex.de – Quellenangabe: Journal of Research in Personality (2021). DOI: 10.1016/j.jrp.2021.104160

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