‚Lernbereit‘ allein schon durch Kontakt mit neuen Dingen

Bereit zum Lernen: Zufällige Exposition fördert das Lernen von Kategorien

28.05.2022 Lange bevor sie in die Schule gehen, lernen Menschen, alltägliche Gegenstände wie einen „Hund“ und einen „Stuhl“ zu identifizieren, indem sie ihnen einfach im Alltag begegnen, ohne die Absicht etwas darüber zu lernen, was sie bedeuten.

Eine neue in Psychological Science veröffentlichte Studie ist eine der ersten, die experimentell nachweist, dass Menschen durch die zufällige Begegnung mit Dingen lernen, über die sie nichts wissen und die sie nicht einmal zu verstehen versuchen.

Der Kontakt mit neuen Objekten macht Menschen „lernbereit“, so Koautor Vladimir Sloutsky vom Fachbereich Psychologie der Ohio State University.

„Wir beobachten oft neue Dinge in der realen Welt, ohne das Ziel zu haben, etwas über sie zu lernen“, so Sloutsky.

„Aber wir haben herausgefunden, dass allein der Kontakt mit ihnen einen Eindruck in unserem Geist hinterlässt und dazu führt, dass wir später bereit sind, etwas darüber zu lernen.“

Die Experimente

Die Studie umfasste fünf verschiedene Experimente mit 438 Personen, wobei alle Experimente ähnliche Ergebnisse zeigten.

In den Studien nahmen die Teilnehmer zunächst an einer „Expositionsphase“ teil, in der sie ein einfaches Computerspiel spielten, bei dem sie bunte Bilder von unbekannten Kreaturen sahen. Das Spiel lieferte keine Informationen über diese Kreaturen, aber für einige Teilnehmer gehörten die Kreaturen, ohne dass sie es wussten, tatsächlich zu zwei Kategorien – Kategorie A und Kategorie B.

Ähnlich wie bei realen Lebewesen wie Hunden und Katzen hatten die Tiere der Kategorien A und B Körperteile, die etwas anders aussahen, z. B. verschiedenfarbige Schwänze und Hände. Den Teilnehmern der Kontrollgruppe wurden Bilder von anderen unbekannten Lebewesen gezeigt.

Im weiteren Verlauf des Experiments durchliefen die Teilnehmer ein „explizites Lernen“, bei dem ihnen beigebracht wurde, dass die Kreaturen zwei Kategorien angehörten (genannt „flurps“ und „jalets“) und dass sie die Zugehörigkeit jeder Kreatur zu einer Kategorie erkennen sollten.

Die Forscher maßen, wie lange die Teilnehmer brauchten, um den Unterschied zwischen Kategorie A und Kategorie B in dieser expliziten Lernphase zu erkennen.

„Wir fanden heraus, dass die Teilnehmer, die schon früh mit den beiden Kategorien von Lebewesen konfrontiert wurden, wesentlich schneller lernten als die Teilnehmer der Kontrollgruppe“, so Unger.

„Teilnehmer, die früh mit Kreaturen der Kategorien A und B konfrontiert wurden, konnten sich mit der unterschiedlichen Verteilung der Merkmale vertraut machen, z. B. dass Kreaturen mit blauem Schwanz eher braune Hände haben und Kreaturen mit orangefarbenem Schwanz eher grüne Hände. Als dann das explizite Lernen kam, war es einfacher, diesen Verteilungen ein Etikett zuzuordnen und die Kategorien zu bilden.“

In einem anderen Experiment der Studie hörten die Teilnehmer bei dem einfachen Computerspiel, das sie in der Expositionsphase spielten, Geräusche, während sie die Bilder der Kreaturen sahen. Die Teilnehmer drückten einfach eine Taste, wenn derselbe Ton zwei Mal hintereinander erklang.

„Die Bilder wurden den Tönen zufällig zugeordnet, so dass sie den Teilnehmern nicht helfen konnten, die Töne zu lernen“, sagte Sloutsky. „Die Teilnehmer konnten die Bilder sogar völlig ignorieren, ohne dass sich dies auf ihre Leistung ausgewirkt hätte.“

Dennoch lernten die Teilnehmer, denen die Bilder der Kreaturen der Kategorien A und B gezeigt wurden, später in der expliziten Lernphase die Unterschiede zwischen ihnen schneller als die Teilnehmer, denen andere, nicht verwandte Bilder gezeigt wurden.

Allein die Exposition half, schneller zu lernen

„Es war die reine Exposition gegenüber den Kreaturen, die ihnen half, später schneller zu lernen“, sagte Sloutsky.

Aber war es möglich, dass sie den Unterschied zwischen Kreaturen der Kategorie A und B bereits während der frühen Exposition gelernt hatten, ohne dass sie das explizite Lernen benötigten?

Die Antwort lautet nein, so Studienautorin Layla Unger.

In einigen der Experimenten bestand das einfache Computerspiel in der Expositionsphase darin, dass die Teilnehmer zunächst eine Kreatur in der Mitte des Bildschirms sahen. Die Teilnehmer sollten dann so schnell wie möglich eine Taste drücken, wenn die Kreatur auf die linke Seite des Bildschirms sprang, und eine andere Taste, wenn sie nach rechts sprang.

Den Teilnehmern wurde dies nicht gesagt, aber eine Art von Kreatur sprang immer nach links und die andere immer nach rechts. Wenn sie also den Unterschied zwischen den beiden Kreaturenarten lernten, konnten sie schneller reagieren.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmer nicht schneller reagierten, was darauf hindeutet, dass sie den Unterschied zwischen den Kreaturen der Kategorie A und der Kategorie B im Expositionsteil des Experiments nicht gelernt hatten.

Dennoch lernten sie den Unterschied zwischen den beiden Kategorien im expliziten Lernteil des Experiments schneller als die Teilnehmer, die in der früheren Expositionsphase Bilder anderer Kreaturen zu sehen bekamen.

Latentes Lernen

„Durch die Begegnung mit den Kreaturen verfügten die Teilnehmer zwar über ein gewisses latentes Wissen, aber sie waren noch nicht in der Lage, zwischen den beiden Kategorien zu unterscheiden. Sie hatten noch nicht gelernt, aber sie waren bereit zu lernen“, sagte Unger.

Sloutsky sagte, dies sei eine der wenigen Studien, die Belege für latentes Lernen lieferten.

„Es war bisher sehr schwierig zu diagnostizieren, wann latentes Lernen stattfindet“, sagte er. „In dieser Studie konnte jedoch zwischen latentem Lernen und dem, was Menschen während des expliziten Unterrichts lernen, unterschieden werden.“

© Psylex.de – Quellenangabe: Psychological Science, 2022; 095679762110614 DOI: 10.1177/09567976211061470

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