Man braucht Wörter, um über Zahlen nachzudenken

Exakte Zahlenkonzepte sind auf den verbalen Zählbereich beschränkt

09.02.2022 Beim Volk der Tsimane, das in einer abgelegenen Region des bolivianischen Regenwaldes lebt, spielen Zahlen in ihrem Leben keine große Rolle, und die Menschen in dieser Gesellschaft können sehr unterschiedlich hoch zählen.

Eine neue Studie des MIT und der Universität von Kalifornien in Berkeley hat einen Zusammenhang zwischen der Zählfähigkeit von Tsimane-Individuen und ihrem Erfolg bei Zuordnungsaufgaben, die Zahlen bis etwa 25 beinhalten, festgestellt. Die meisten Probanden konnten Aufgaben, bei denen es um die Zuordnung von Objekten zu einer bestimmten Zahl geht, korrekt lösen, allerdings nur bis zur höchsten Zahl, bis zu der sie zählen konnten.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Menschen ein Wort für diese Zahl brauchen, um eine exakte Zahl größer als vier zu repräsentieren, sagt Edward Gibson, Professor für Gehirn- und Kognitionswissenschaften am MIT.

Dieses Ergebnis ist der bisher deutlichste Beleg dafür, dass Zahlenwörter eine funktionelle Rolle bei der Fähigkeit von Menschen spielen, exakte Mengen größer als vier darzustellen, und unterstützt die allgemeinere Behauptung, dass Sprache neue konzeptionelle Fähigkeiten ermöglichen kann, so Gibson.

Die Studie von Gibson, Hauptautor Benjamin Pitt und Steven Piantadosi vom Fachbereich Psychologie in Berkeley ist im Fachblatt Psychological Science erschienen.

Wörter zählen

Die Tsimane sind eine Gesellschaft von etwa 13.000 Menschen, die im Regenwald des Amazonasgebietes Landwirtschaft und Nahrungssuche betreiben. Die meisten Tsimane-Kinder gehen im Alter von 5 Jahren in die Schule, aber das Bildungsniveau und die Fähigkeit zum Zählen sind sehr unterschiedlich. In der Sprache der Tsimane gibt es Wörter für Zahlen bis 100, und Wörter für Zahlen, die darüber hinausgehen, sind aus dem Spanischen entlehnt.

In einer Studie aus dem Jahr 2014 fanden Gibson, Piantadosi und Julian Jara-Ettinger heraus, dass Tsimane-Kinder die Bedeutung von Zahlenwörtern auf demselben Entwicklungsweg lernen wie Kinder in industrialisierten Gesellschaften. Das heißt, zuerst verstehen sie „eins“, dann fügen sie nacheinander „zwei“, „drei“ und „vier“ hinzu. An diesem Punkt vollzieht sich jedoch ein dramatischer Wandel im Verständnis, und die Kinder begreifen nicht nur die Bedeutung von „fünf“ und „sechs“, sondern von allen ihnen bekannten Zahlwörtern.

Kinder in industrialisierten Gesellschaften, in denen Zahlen einen viel höheren Stellenwert haben, beginnen im Alter von etwa 2 Jahren zu zählen und haben im Alter von 4 oder 5 Jahren ein ausgefeiltes Verständnis von Zahlen und Zählen. Bei den Tsimane‘ setzt diese Entwicklung jedoch später ein, sie beginnt im Alter von 5 Jahren und endet im Alter von 8 Jahren.

Die aktuelle Studie

Für die neue Studie wählten Gibson und seine Kollegen 15 Tsimane aus, die zwischen sechs und 20 zählen konnten, und 15, die bis mindestens 40 zählen konnten. Dies gab ihnen die Möglichkeit, Personen mit unterschiedlichen verbalen Zählfähigkeiten zu vergleichen und die Hypothese zu testen, dass Menschen ohne Zahlenwörter nicht in der Lage sind, exakte Zuordnungsaufgaben zu lösen, bei denen sie Zahlen größer als vier gedanklich darstellen müssen.

Dazu verwendeten die Forscher eine Aufgabe, die als orthogonales Matching“ bekannt ist. Bei der einfachsten Zuordnungsaufgabe legten die Forscher eine Reihe von Objekten vor, z. B. Batterien, und baten dann die Teilnehmer, eine entsprechende Anzahl anderer Objekte, z. B. Garnspulen, aufzustellen. Beim orthogonalen Abgleich werden die Objekte in einer horizontalen Reihe präsentiert, aber die Teilnehmer müssen die entsprechende Anzahl vertikal anordnen, so dass sie sie nicht einfach eins zu eins zuordnen können.

Das MIT-Team fand heraus, dass die Tsimane‘ diese Aufgabe bewältigen konnten, allerdings nur bis knapp unter der Zahl, bis zu der sie zählen können. Das heißt, jemand, der bis 10 zählen kann, würde Fehler machen, wenn er acht oder neun Objekte zuordnen soll, während jemand, der bis 15 zählen kann, bei 13 oder 14 anfängt, Fehler zu machen.

Zahlendarstellungen

Aufgaben, die eine Manipulation von Zahlen erfordern, können demnach nur mit Zahlenwörtern oder anderen expliziten Systemen zur Darstellung von Zahlen gelöst werden, sagt Gibson.

Wenn wir zu größeren Zahlen kommen, selbst wenn es sich nur um fünf oder sechs handelt, brauchen wir eine Art der Darstellung, wenn wir sie genau darstellen wollen, sagt er. Es müssen nicht unbedingt Wörter sein – man kann auch die Finger benutzen oder ähnliches – aber man braucht eine Art unabhängiger Darstellung der Zahlen.

© Psylex.de – Quellenangabe: Psychological Science (2022). DOI: 10.1177/09567976211034502

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