Medusa-Effekt: Bewusstseinsebenen im Bild

Gesichter auf Bildern bieten mehr, als man auf den ersten Blick sieht: Studie

07.08.2021 Wenn ein Abbild einer Person auf einem Foto erscheint, wird diese Person als weniger real und mit „weniger Geist“ wahrgenommen laut einer in Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichten Studie.

Medusa-Effekt

Die Psychologen nennen diese Abstraktionskosten den Medusa-Effekt, nach der mythischen Gorgone, deren Abbild die versteinernde Kraft ihres Blicks fehlte.

Bilder sind seit Tausenden von Jahren Teil der menschlichen Kultur. Die Vorstellung, dass wir in diesem Stadium etwas Neues über sie entdecken können, ist wirklich aufregend, sagt Dr. Alan Kingstone, Psychologieprofessor an der University of British Columbia und Hauptautor der Studie. Die Psychologen haben herausgefunden, dass Bilder Bewusstseinsebenen enthalten.

Diese Ebenen in Fotos wurden zuvor noch nie bemerkt, sagt Dr. Kingstone.

Nehmen wir zum Beispiel an, Sie stehen neben einem Poster mit Ihrem Gesicht und jemand fotografiert Sie. Das neue Foto enthält Ihr Gesicht zweimal – einmal auf dem Poster und einmal daneben, sagt Dr. Kingstone. Beide Gesichter sind nur verschiedene Bereiche desselben Fotos, aber die Menschen nehmen das Foto auf dem Poster als realitätsferner wahr und als weniger fähig, Gefühle zu empfinden oder Pläne zu machen.

Die Ergebnisse sind überraschend, denn während Menschen im Alltag klar zwischen Menschen und Bildern von Menschen unterscheiden können, zeigt sich, dass diese Unterscheidung auch innerhalb eines Bildes selbst gilt.

Die Befunde zeigen, dass Menschen einer Person in einem Bild weniger Aufmerksamkeit schenken, sagt der Mitautor der Studie Dr. Rob Jenkins, ein Kognitionspsychologe an der Universität York in England.

Auswirkungen auf die digitale Kommunikation

Die Forscher sagen, dass ihre Ergebnisse Auswirkungen auf die digitale Kommunikation haben, die durch die COVID-19-Pandemie verbreiteter denn je geworden ist.

Es gibt viele berufliche Situationen, in denen Bilder von Menschen verwendet werden. Wenn diese Aktivitäten ins Internet verlagert werden, entfernen sich die Bilder noch weiter von der Realität, sagt Jenkins.

Zum Beispiel kann ein Richter während einer virtuellen Verhandlung Bilder eines Opfers auf Video sehen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Richter weniger geneigt sein könnte, das Opfer als real und lebendig zu betrachten, was sich auf den Verlauf des Prozesses auswirken könnte.

Kingstone fügt hinzu, dass ähnliche Probleme bei der Gesundheitsversorgung und Bildung im Internet auftreten können. In der zukünftigen Forschung wird es wichtig sein zu sehen, ob dieser Medusa-Effekt in immersiveren Umgebungen wie der virtuellen Realität reduziert werden kann.

Die Forscher begründen dies damit, dass die „Wahrnehmung des Geistes“ oft die Grundlage für moralische Urteile bildet. Wenn also der Geist einer Person auf eine geringere Art und Weise wahrgenommen wird, wird sie auch auf ähnliche Weise beurteilt.

© psylex.de – Quellenangabe: Proceedings of the National Academy of Sciences (2021). DOI: 10.1073/pnas.2106640118




Welche Erfahrung haben Sie damit gemacht? Aus Lesbarkeitsgründen bitte Punkt und Komma nicht vergessen (keine persönlichen Angaben - wie voller Name, Anschrift etc).