Moralische Abscheu erzeugt einen ‚üblen Geschmack‘

Empörung über moralische Verfehlungen unterdrückt den zungenmotorischen Kortex

11.06.2021 Wenn wir Zeuge von Verhaltensweisen werden, die gegen allgemein geteilte moralische Normen verstoßen, hemmt unser Gehirn die Neuronen, die unsere Zungenbewegungen steuern – genauso, wie wenn etwas schlecht schmeckt. Zu diesem verblüffenden Ergebnis kam eine internationale Forschergruppe unter Leitung der Universitäten Bologna und Messina in ihrer Studie, die im Journal of Social, Cognitive and Affective Neuroscience veröffentlicht wurde.

Widerlich

Tatsächlich beschreibt „eklig“ bzw. „widerlich“ nicht nur den Geschmack von verdorbenen oder ungenießbaren Lebensmitteln, sondern auch eine Handlung oder ein Verhalten, das wir als abstoßend wahrnehmen, weil es gegen die moralischen Normen unserer Kultur oder unseres Wertesystems verstößt.

Die Forscher analysierten die Neuronen, die die motorische Aktivität der Zunge steuern, um herauszufinden, ob und wie diese Beziehung zwischen Moral und Ekel auf Neuro-Mechanismen beruht, die mit körperlichen Reaktionen verbunden sind.

Die Studie

Die Forscher kamen zu diesem Ergebnis, indem sie die transkranielle Magnetstimulation (TMS) an einer Stichprobe von Probanden anwendeten. TMS ist eine nicht-invasive Form der Hirnstimulation, die es den Forschern ermöglichte, das primäre motorische Areal der Zunge dank einer elektromagnetischen Magnetspule am Kopf der Probanden zu stimulieren.

Den Probanden der Studie wurden Szenen moralischer Verfehlungen präsentiert. Dabei zeichneten die Neurowissenschaftler die Reaktion der Neuronen, die die Zungenbewegung steuern, über einige Elektroden auf.

Auf diese Weise konnten sie zeigen, dass die motorische Kapazität der Zunge umso stärker gehemmt war, je mehr diese moralischen Verfehlungen die Teilnehmer empörten. Dieses Phänomen wurde nur auf Zungenebene beobachtet und schien andere Teile des primären motorischen Kortex nicht zu betreffen.

Vermeidungs-Abwehr-Mechanismus

Wenn wir etwas Unangenehmes schmecken, erleben wir eine Hemmung der Bewegung unserer Zunge. Diese Reaktion könnte einen impliziten Vermeidungs-Abwehr-Mechanismus widerspiegeln, um die Aufnahme von potentiell schädlichen Substanzen zu verhindern. Diese Studie deutet darauf hin, dass sich ein ähnlicher Vermeidungs-Abwehr-Mechanismus als Reaktion auf Verstöße gegen gemeinsame moralische Normen angepasst haben könnte, schreiben die Autoren.

Die Studie legt neurophysiologische Belege nahe, die Moral mit einer physiologischen Reaktion verbinden, die Folgen innerhalb der philosophischen Debatte zwischen den Moraltheorien der Sentimentalisten und Rationalisten hat. Eine Debatte, die zunehmend nach dem Beitrag von Philosophen, Psychologen und Neurowissenschaftlern verlangt, sagt Koautor Giuseppe Pellegrino.

© psylex.de – Quellenangabe: Carmelo M Vicario, Robert D Rafal, Giuseppe di Pellegrino, Chiara Lucifora, Mohammad A Salehinejad, Michael A Nitsche, Alessio Avenanti, Indignation for moral violations suppresses the tongue motor cortex: preliminary TMS evidence, Social Cognitive and Affective Neuroscience, 2020;, nsaa036, https://doi.org/10.1093/scan/nsaa036

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