Psychedelika: Bewusstseinsveränderung und Neurotransmittersysteme

Trips und Neurotransmitter: Die Entdeckung prinzipieller Muster bei 6.850 halluzinogenen Erfahrungen

17.03.2022 Das Gebiet der Psychedelikaforschung ist heute ein rasch wachsender Bereich der Neurowissenschaften und der klinischen Forschung, der dringend benötigte neue Therapien für Krankheiten wie Depression und Schizophrenie hervorbringen könnte. Dennoch gibt es noch viel darüber zu lernen, wie diese Drogen die Bewusstseinszustände verändern.

In der weltweit größten – und in Science Advances veröffentlichten – Studie über Psychedelika und das Gehirn hat ein Team von Forschern des Neuro (Montreal Neurological Institute-Hospital) und des Department of Biomedical Engineering der McGill University, des Broad Institute in Harvard/MIT, der SUNY Downstate Health Sciences University und des Mila-Quebec Artificial Intelligence Institute gezeigt, wie drogeninduzierte Veränderungen des subjektiven Bewusstseins anatomisch in bestimmten Neurotransmitter-Rezeptorsystemen verwurzelt sind.

Die Forscher sammelten 6.850 Erfahrungsberichte von Menschen, die 27 verschiedene psychedelische Drogen eingenommen hatten. In einem erstmaligen Ansatz entwickelten sie eine Strategie des maschinellen Lernens, um häufig verwendete Wörter aus den Erfahrungsberichten zu extrahieren und sie mit den Neurotransmitterrezeptoren zu verknüpfen, die sie wahrscheinlich auslösten. Das interdisziplinäre Team konnte dann die subjektiven Erfahrungen mit Gehirnregionen in Verbindung bringen, in denen die Rezeptorkombinationen am häufigsten zu finden sind – es stellte sich heraus, dass es sich dabei um die untersten und einige der tiefsten Schichten der informationsverarbeitenden Schichten des Gehirns handelt.

Mithilfe von Tausenden von Gentranskriptionssonden erstellte das Team eine 3D-Karte der Gehirnrezeptoren und der mit ihnen verbundenen subjektiven Erfahrungen im gesamten Gehirn. Während psychedelische Erfahrungen bekanntermaßen von Person zu Person stark variieren, konnte das Team anhand des großen Datensatzes von Erfahrungsberichten kohärente Zustände bewusster Erfahrungen mit Rezeptoren und Gehirnregionen bei verschiedenen Personen charakterisieren. Dies stützt die Theorie, dass neue halluzinogene Wirkstoffe so entwickelt werden können, dass sie zuverlässig die gewünschten mentalen Zustände hervorrufen.

Eine vielversprechende Wirkung einiger Psychedelika für psychiatrische Interventionen ist zum Beispiel die Ego-Auflösung – das Gefühl, vom eigenen Ich getrennt zu sein. Die Studie ergab, dass dieses Gefühl am stärksten mit dem Serotoninrezeptor 5-HT2A verbunden ist. Aber auch andere Serotoninrezeptoren (5-HT2C, 5-HT1A, 5-HT2B), die adrenergen Rezeptoren Alpha-2A und Beta-2 sowie der D2-Rezeptor wurden mit dem Gefühl der Ich-Auflösung in Verbindung gebracht. Eine auf diese Rezeptoren abzielende Droge könnte dieses Gefühl bei Patienten, von denen Kliniker glauben, dass sie davon profitieren könnten, zuverlässig hervorrufen.

„Unsere Studie ist ein erster Schritt und Beleg dafür, dass wir in Zukunft maschinell lernende Systeme entwickeln können, die genau vorhersagen können, welche Kombinationen von Neurotransmitterrezeptoren stimuliert werden müssen, um bei einer bestimmten Person einen bestimmten Zustand bewusster Erfahrung hervorzurufen“, sagt Studienautor Professor Danilo Bzdok.

© Psylex.de – Quellenangabe: Science Advances (2022). DOI: 10.1126/sciadv.abl6989

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