Aggression, Aggressivität im Gehirn

Aggressionsforschung

Hirnstimulation verringert die Bereitschaft für körperliche und sexuelle Aggressionen

03.07.2018 Die Stimulation des präfrontalen Cortex - dem Teil des Gehirns, der für die Kontrolle komplexer Gedanken und Verhaltensweisen verantwortlich ist - kann die Bereitschaft um mehr als 50 Prozent verringern, aggressive bzw. gewalttätige Handlungen zu begehen laut einer in The Journal of Neuroscience veröffentlichten Forschungsarbeit.

Die Anwendung einer solchen minimal-invasiven Technik, der sogenannten transkraniellen Gleichstromstimulation (tDCS), erhöhte zudem die Wahrnehmung, dass körperliche und sexuelle Übergriffe moralisch falsch sind.

Dorsolateraler präfrontaler Cortex

praefrontaler-cortexBild: Präfrontaler Cortex

Das Psychologenteam führte eine doppelblinde randomisierte Kontrollstudie an 81 gesunden Erwachsenen (18 Jahre und älter) durch. Zu Beginn der Studie wurden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugeordnet.

Die erste wurde 20 Minuten lang am präfrontalen Cortex stimuliert, die zweite, die Placebogruppe, erhielt 30 Sekunden lang einen niedrigen elektrischen Stromfluss, dann nichts weiter.

Die Forscher konzentrierten sich auf den präfrontalen Cortex - und zwar auf den dorsolateralen präfrontalen Cortex im oberen, vorderen Bereich des Gehirns - weil es gut dokumentiert ist, dass antisoziale Individuen Defizite in dieser Region haben, sagt Olivia Choy vom Fachbereich Psychologie von der Universität Pennsylvania.

Kausale Rolle dieser Gehirnregion

Wenn das Gehirn eines aggressiven Täters gescannt wird, weiß man nicht wirklich, ob es das Defizit im Hirn ist, das zu dem aggressiven Verhalten führt, oder umgekehrt, sagt Choy. Eines der Hauptziele dieser Studie war zu sehen, ob es eine kausale Rolle dieser Hirnregion für diese Aggressionen gibt.

Nach der Hirnstimulation stellten die Forscher den Teilnehmern zwei hypothetische Szenarien vor, jeweils eines zur körperlichen und sexuellen Gewalt, und baten sie, auf einer Skala von 0 bis 10 (wobei 0 einer Wahrscheinlichkeit von 0 und 10 von 100 Prozent entspricht) die Wahrscheinlichkeit zu bewerten, dass sie als Protagonisten in den Szenarien agieren würden.

Reduzierte Aggressionsbereitschaft

Für Teilnehmer in der Hirnstimulationsgruppe verringerte die Stimulation ihre Absicht, körperlich bzw. sexuell aggressiv aufzutreten und gewalttätig zu werden um 47 bzw. 70 Prozent im Vergleich zur Placebogruppe.

Die Teilnehmer bewerteten auf der gleichen Skala von 0 bis 10 auch, wie moralisch falsch sie die Szenarien empfanden.

31% der Gesamtwirkung von tDCS auf die Absicht, Aggressionen auszuüben, wurde durch die Wahrnehmung einer größeren moralischen Ungerechtigkeit in Bezug auf die aggressiven Handlungen verursacht.

Die Psychologen wählten ihren Ansatz und die Verhaltensaufgaben speziell auf der Grundlage ihrer Annahmen, welche Hirnareale für die Erzeugung aggressiver Absichten relevant sein könnten.

Biologische Grundlagen der Aggressionsbereitschaft

Theoretisch bedeuten die Ergebnisse, dass einfache biologische Interventionen - entweder einzeln oder in Verbindung mit psychologischen Interventionen wie der kognitiven Verhaltenstherapie - das Potenzial haben, aggressives, gewalttätiges Verhalten zu reduzieren.

Ein Großteil des Fokus beim Verständnis der Ursachen von Verbrechen lag bisher auf der sozialen Verursachung, schreiben die Wissenschaftler. Das ist wichtig, aber Forschungen aus der Hirnbildgebung und Genetik haben auch gezeigt, dass die Hälfte der Varianz der Gewalt auf biologische Faktoren zurückzuführen ist.

Keine frontale Lobotomie

Die Forschung versucht, gutartige biologische Interventionen zu finden, die von der Gesellschaft akzeptiert werden, und die transkranielle Gleichstromstimulation hat ein minimales Risiko.

Dies ist keine frontale Lobotomie, betonen die Psychologen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Dem vorderen Teil des Gehirns wird gesagt, dass er besser mit dem Rest des Gehirns kommunizieren muss.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: The Journal of Neuroscience - DOI: https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.3317-17.2018

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