Warum vergessen wir? „Vergessen“ als Form des Lernens

Vergessen als eine Form der Anpassung der Engrammzellen

14.01.2022 Im Laufe unseres Lebens schaffen wir unzählige Erinnerungen, aber viele davon vergessen wir. Warum eigentlich?

Entgegen der allgemeinen Annahme, dass Erinnerungen mit der Zeit einfach verblassen, ist das „Vergessen“ vielleicht gar nicht so schlecht – zumindest nach Ansicht von Wissenschaftlern, die glauben, dass es eine Form des Lernens darstellen könnte.

Vergessen ist kein Fehler

Die hinter der neuen Theorie stehenden Wissenschaftler vermuten, dass Veränderungen in unserer Fähigkeit auf bestimmte Erinnerungen zuzugreifen, auf Rückmeldungen aus der Umwelt und auf Vorhersehbarkeit beruhen. Das Vergessen ist kein Fehler, sondern eine funktionelle Eigenschaft des Gehirns, die eine dynamische Interaktion mit der Umwelt ermöglicht.

In einer sich wandelnden Welt wie der, in der wir und viele andere Organismen leben, kann das Vergessen einiger Erinnerungen von Vorteil sein, da es zu flexiblerem Verhalten und besserer Entscheidungsfindung führen kann. Wenn Erinnerungen unter Umständen gewonnen wurden, die für die aktuelle Umgebung nicht ganz relevant sind, kann das Vergessen dieser Erinnerungen eine positive Veränderung sein, die unser Wohlbefinden verbessert.

Die Wissenschaftler nehmen also an, dass wir lernen einige Erinnerungen zu vergessen und andere wichtige zu behalten.

Veränderter Gedächtnisabruf, kein Gedächtnisverlust

Das Vergessen geht natürlich mit dem Verlust von Informationen einher, aber immer mehr Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass zumindest in einigen Fällen das Vergessen auf einen veränderten Gedächtnisabruf und nicht auf einen Gedächtnisverlust zurückzuführen ist.

Die neue in Nature Reviews Neuroscience veröffentlichte Theorie wurde von Dr. Tomás Ryan von der School of Biochemistry and Immunology und dem Trinity College Institute of Neuroscience am Trinity College Dublin, und Dr. Paul Frankland vom Fachbereich Psychologie an der Universität von Toronto und dem Hospital for Sick Children in Toronto aufgestellt.

Speicherung in Engrammzellen

Ryan sagt: Erinnerungen werden in Gruppen von Neuronen, den sogenannten ‚Engrammzellen‘, gespeichert, und der erfolgreiche Abruf dieser Erinnerungen erfordert die Reaktivierung dieser Gruppen. Die logische Konsequenz daraus ist, dass Vergessen eintritt, wenn Engrammzellen nicht reaktiviert werden können. Die Erinnerungen selbst sind noch vorhanden, aber wenn die spezifischen Ensembles nicht aktiviert werden können, können sie nicht abgerufen werden. Es ist so, als ob die Erinnerungen in einem Tresor gespeichert sind, man sich aber nicht mehr an den Code erinnern kann, um ihn zu öffnen.

Die neue Theorie besagt, dass das Vergessen auf einen Umbau des Schaltkreises zurückzuführen ist, der die Engrammzellen von einem zugänglichen in einen unzugänglichen Zustand versetzt. Da die Geschwindigkeit des Vergessens von den Umweltbedingungen beeinflusst wird, könnte das Vergessen also eigentlich eine Form des Lernens sein, die die Zugänglichkeit des Gedächtnisses in Abhängigkeit von der Umgebung und deren Vorhersehbarkeit verändert.

Pathologisches Vergessen

Frankland fügt hinzu: Unser Gehirn vergisst auf verschiedenen Wegen, aber alle führen dazu, dass das Engramm – die physische Verkörperung einer Erinnerung – schwerer zugänglich ist.

Im Hinblick auf das pathologische Vergessen bei Krankheiten bemerken Ryan und Frankland:

Dieses ’natürliche Vergessen‘ könnte unter bestimmten Umständen umkehrbar sein, und bei Erkrankungen – wie zum Beispiel bei Alzheimer – könnten diese natürlichen Vergessensmechanismen außer Kraft gesetzt sein, was zu einer stark reduzierten Zugänglichkeit der Engrammzellen und einem pathologischen Gedächtnisverlust führt.

© Psylex.de – Quellenangabe: Nature Reviews Neuroscience (2022). DOI: 10.1038/s41583-021-00548-3

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