Wenn das Gehirn versucht, sich von der Psychose zu erholen

Ameliorative Muster der grauen Substanz bei Patienten mit psychotischer Erstepisode und bei Patienten, die keine Behandlung erhalten haben

17.02.2022 Eine neue in Psychological Medicine veröffentlichte Studie der Western’s Schulich School of Medicine & Dentistry und von Mitarbeitern des West China Hospital in Chengdu stellt lang bestehende Vorstellungen über die Verschlechterung des Gehirns bei Patienten mit psychotischen Störungen in Frage und könnte zur Verbesserung von Behandlungen beitragen.

Psychotische Störungen wie z. B. Psychosen werden häufig als sich progressiv verschlimmernd beschrieben, wobei sich das Gehirn im Laufe der Zeit immer weiter verschlechtert, je länger die Erkrankung andauert.

Die von Dr. Lena Palaniyappan, Professor für Psychiatrie und Wissenschaftlerin am Robarts Research Institute, geleitete Studie zeigt, dass sich das Hirngewebe bei Patienten mit Psychosen in bestimmten Bereichen tatsächlich vergrößert – sogar bevor sie behandelt werden.

Die Versuche des Gehirns, sich selbst zu regenerieren

Die Versuche des Gehirns, sich selbst zu regenerieren, könnten also bereits beginnen, bevor ein Patient eine medizinische Behandlung erhält, so Palaniyappan.

Die weitere Untersuchung dieses Phänomens könnte den Forschern dabei helfen, die Behandlungsprotokolle zu verbessern, und sich schließlich darauf auswirken, wie wir andere bei Jugendlichen auftretende psychische Störungen betrachten und behandeln.

Wenn ein junger Mensch eine Psychose entwickelt, hat seine Familie oft Angst, was in der Zukunft passieren wird, erklärte Palaniyappan. Es handelt sich in der Regel nicht um eine einzelne Episode. Die Wahrscheinlichkeit, dass es den Betroffenen weiterhin schlecht geht, ist hoch, und ein Rückfall ist wahrscheinlich.

Fortschreitende Erkrankung

Dieser Aspekt der Störung – das ständige Wiederauftreten von psychotischen Episoden – trägt laut Palaniyappan dazu bei, dass die Krankheit als progredient betrachtet wird.

Nach dem ersten Auftreten der Psychose geht es bergab, sagt er. Seit 150 Jahren gehen wir davon aus, dass es viele Belege für eine Verschlechterung der Psychose im Laufe der Zeit gibt.

Aber was tut das Gehirn, um sich zu erholen? Das ist die Schlüsselfrage, die Palaniyappan zu beantworten versuchte.

Das Gehirn ist nicht passiv, sondern ein plastisches Organ – es versucht, das Trauma und den Stress, die durch psychiatrische Erkrankungen verursacht werden, bis zu einem gewissen Grad zu bekämpfen, erklärte er.

Die Studie

Palaniyappans Team untersuchte Menschen mit Psychosen, bevor sie eine Behandlung begannen, um besser zu verstehen, wie das Gehirn darauf reagiert.

11 Jahre lang untersuchte das Team 340 Patienten, die noch keine antipsychotischen Medikamente erhalten hatten, in einem Partnerkrankenhaus in Westchina – und machte eine bemerkenswerte Entdeckung.

Die Ergebnisse des Teams bestätigten zwar eine Verringerung des Hirngewebes bei Psychosepatienten im Vergleich zu gesunden Menschen – auch vor der Behandlung, aber sie beobachteten auch eine Zunahme des Hirngewebes in verschiedenen Teilen des Gehirns, was mit besseren Ergebnissen für die Patienten in Verbindung gebracht wurde.

Zunahme des Hirngewebes

Je höher die Zunahme des Gewebes im Gehirn, desto besser sind einige der Ergebnisse, sagte Palaniyappan. Die Symptome sind weniger schwerwiegend, die Krankheitsdauer ist kürzer, und diejenigen mit einer stärkeren Zunahme des Hirngewebes schneiden bei kognitiven Aufgaben besser ab.

Die Ergebnisse zeigen zwei wichtige Erkenntnisse: Erstens versucht das Gehirn möglicherweise schon vor dem medikamentösen Eingriff, die Auswirkungen der Psychose zu verringern. Zweitens reicht dieser Wiederaufbauprozess möglicherweise nicht aus, um die Störung vollständig abzuwehren.

Keine degenerative Erkrankung

Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass die Psychose kein Zustand wie die Demenz ist, bei der die Gehirnveränderungen degenerativ sind, ohne dass es Anzeichen für eine Umkehr gibt, so Palaniyappan. Zu dem Zeitpunkt, an dem eine Person mit einer Psychose an die Tür eines Arztes klopft, finden im Gehirn bereits in geringem Umfang Umkehrungen statt. Wenn wir verstehen können, warum und wie dies geschieht, können wir es vielleicht verbessern.

Laut Palaniyappan bietet diese Studie jedoch keinen experimentellen Nachweis und ist durch die Tatsache eingeschränkt, dass von jedem Patienten nur ein Gehirnscan angefertigt wurde. Die Forscher wissen zwar nicht, ob die beobachteten Veränderungen im Laufe der Zeit bestehen bleiben, aber die Entdeckung eröffnet die Möglichkeit, die Behandlung von Psychosen auf eine andere Art und Weise zu betrachten.

Neue Möglichkeiten der Behandlung von Psychosen?

Die meisten Forschungsarbeiten zur Entwicklung neuer Therapeutika und Interventionen bei Psychosen beruhen auf der Annahme, dass die Veränderungen im Gehirn Anzeichen für eine Schädigung sind, sagte er. „Wenn wir unseren Schwerpunkt von der Schädigung des Gehirns weg verlagern und die Mechanismen hinter den Versuchen des Gehirns, sich zu erholen und zu kompensieren, verstehen, können wir vielleicht bessere Ergebnisse erzielen.“

Ein weiterer wichtiger Anhaltspunkt für die Zukunft der Psychosebehandlung ist die Tatsache, dass etwa einer von sechs Patienten im Laufe seines Lebens nur eine psychotische Episode erlebt.

Die meisten schweren psychiatrischen Störungen, etwa 75 Prozent, beginnen im Teenager- oder im Vorschulalter und entwickeln sich dann zu einer lebenslangen Krankheit, sagte er. Fast alle unserer Behandlungen sind nur Maßnahmen zur Symptomkontrolle; sie sind nicht heilend. Wir wissen nicht, wie wir die zugrundeliegenden Prozesse umkehren können.

© Psylex.de – Quellenangabe: Psychological Medicine (2022). DOI: 10.1017/S0033291722000058

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