Zwanghaftes Sporttreiben: die Notwendigkeit einer gesunden Definition von Bewegung

Zwanghafter Sport ist eine sozial akzeptierte Gefängniszelle: Erforschung der Erfahrungen mit zwanghaftem Sport in den sozialen Medien

16.03.2022 Zwanghaftes Sporttreiben (Compulsive Exercise, Sportzwang oder Sportsucht) wird wenig beachtet, obwohl es sich um eine recht häufige und schwerwiegende psychische Erkrankung handelt, schreiben Forscher einer im International Journal of Eating Disorders veröffentlichten Studie.

Es gibt keine allgemeingültige Definition von Sportsucht, obwohl es sich dabei um eine Besessenheit handelt, die sich in der Ausübung von Sport äußert, und die Betroffenen beschreiben sich oft als unglücklich, schmerzgeplagt oder deprimiert. Obwohl sie häufig mit einer Essstörung einhergeht (85 % der Menschen mit Essstörungen üben ebenfalls zwanghaft Sport aus), gibt es auch Menschen, die sich nur auf den Sport konzentrieren.

Eine neue Studie von Forschern um Laura Hallward von der McGill University aus der Abteilung für Kinesiologie und Leibeserziehung hat fast 1.000 Beiträge, Bilder und Diskussionen auf 13 Social-Media-Seiten im Laufe eines Jahres analysiert und beleuchtet die Lebenserfahrungen derjenigen, die diese Praxis betreiben. Die Forscher sind der Ansicht, dass das Material aus diesen Online-Diskussionen dazu beitragen könnte, künftige Sportzwang-Behandlungsprogramme zu unterstützen, insbesondere im Hinblick auf die Definition von gesundem Sport.

Kontrollprobleme, mangelndes Verständnis und die Herausforderungen der Genesung

Aus den Beiträgen in den sozialen Medien zu zwanghaftem Sport ergaben sich einige gemeinsame Themen – von den hohen Kosten des Verbrennens von Fressattacken und dem mangelnden Verständnis für diesen Zwang Sport zu treiben, bis hin zu dem Versuch, den Sport zu kontrollieren, aber letztlich stattdessen von der Sucht kontrolliert zu werden:

  • „Wie wäre es, wenn du jedes Mal sterben möchtest, wenn du zu krank bist, um deine Schrittzahl zu erreichen?“
  • „Ständig sagen Kollegen und Freunde Dinge wie „Ich wünschte, ich könnte so laufen wie du“, „Ich wünschte, ich hätte deinen Körper“ usw. Was sie nicht wissen, ist, dass ich in meinem Kopf ständig gegen mich selbst ankämpfe. Sie sehen nicht, dass ich mich manchmal zum Laufen zwinge, bis ich so große Schmerzen habe, dass ich weinen muss. Sie können sich nicht vorstellen, was Sportsucht ist.“
  • „Gestern hatte ich das schlimmste Fressgelage meines Lebens … am Ende habe ich trainiert und mich gezwungen, noch vor Mitternacht 60.000 Schritte zu machen, weil ich die Schuldgefühle nicht ertragen konnte.“
  • „Der Sport hilft mir sooo sehr, dass ich ihn ehrlich gesagt vermisst habe. Auch wenn ich sehe, dass ich sehr leicht wieder in die Sportsucht abrutsche, wenn ich nicht aufpasse.“

Viele Menschen brachten in den sozialen Medien ihr Elend zum Ausdruck, mit Sportsucht zu leben, aber auch ihre Angst, es hinter sich zu lassen und sich einer Behandlung zu widmen. Die Menschen beschrieben auch widersprüchliche Erfahrungen während des Genesungsprozesses – turbulente Kämpfe mit sich selbst, in dem Wissen, dass sie weiter kämpfen müssen, um einen Rückfall zu vermeiden. Viele wendeten sich auch den sozialen Medien zu, um ihre Frustration über den allgemeinen Mangel an Bewusstsein für Sportsucht in der Familie und im Freundeskreis auszudrücken und zu teilen. Oft wurden sie von anderen für ihr Aussehen oder ihr Engagement für die „Gesundheit“ gelobt, aber Familie und Freunde wussten nichts von den gestörten Zwangsgedanken und Verhaltensweisen, die Menschen zu solchen Extremen treiben.

Ändern der Einstellung zum Sport

In der Untergruppe, der es gelang, Schritte zur Genesung zu unternehmen und ein gesünderes Verhältnis zum Sport zu entwickeln, teilten die Betroffenen mit, dass eine Änderung ihrer Einstellung zum Sport von entscheidender Bedeutung war: Sie ließen starre Regeln, Sport als Strafe und auf das Aussehen bezogene Ziele hinter sich und hörten stattdessen auf ihren Körper und ihren Geist, ruhten sich mehr aus und erkundeten verschiedene Arten von Sport.

„Die Gesellschaft suggeriert ständig, dass Sport so viele körperliche und psychische Probleme lösen oder verbessern kann“, erklärt Autorin Laura Hallward. „Das stimmt zwar, und Bewegung ist für die meisten Menschen von Vorteil und muss verstärkt werden, aber dabei wird die Untergruppe der Bevölkerung übersehen, die vom Sport besessen ist und Hilfe braucht, um einen Gang zurückzuschalten und andere Lösungen als Sport zu finden. Ich bin der Meinung, dass es mehr Bewusstsein für diese Menschen und Unterstützung für sie geben muss.“

© Psylex.de – Quellenangabe: International Journal of Eating DisordersDOI: 10.1002/eat.23577

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