ADHS: Einfluss von Cannabis aufs Gehirn

Studie untersuchte die Auswirkungen von Cannabis auf die Neuroentwicklung bei jungen Menschen mit ADHS

20.06.2021 Zumindest bisher belegt die derzeit begrenzte Forschungsbasis nicht, dass Cannabis zusätzliche negative Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung oder -funktion bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hat, so lautet das Fazit einer Übersichtsarbeit in Harvard Review of Psychiatry.

Während ADHS klinisch definiert ist, dass es zu Beeinträchtigungen der kognitiven Funktionen kommt, ist auch der Cannabiskonsum an sich mit kognitiven Beeinträchtigungen verbunden: Die bisherige Befundlage unterstützt weder eindeutig eine süchtig machende Wirkung noch eine Wechselwirkung – ob schützend oder schädlich – durch Cannabiskonsum, schreiben die Forscher um Philip B. Cawkwell von der Stanford University School of Medicine. Sie unterstreichen die Notwendigkeit weiterer Forschung, um mögliche Auswirkungen von Cannabis auf die Gehirnstruktur, -funktion und das Verhalten bei jungen Menschen mit ADHS zu klären.

Dr. Cawkwell und Kollegen führten eine systematische Überprüfung der Forschung zu den kombinierten Auswirkungen von Cannabiskonsum und ADHS im Jugendalter durch. Aus Hunderten von anfänglichen „Treffern“ identifizierte die Suche nur 11 Studien, die irgendeine Art von neurologischen Entwicklungsergebnissen bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen mit ADHS bewerteten, die Cannabis konsumierten, verglichen mit Teilnehmern, die kein Cannabis konsumierten.

Sieben Studien bewerteten die Ergebnisse von bildgebenden Untersuchungen der Gehirne von jungen ADHS-Patienten und zeigten einige signifikante Unterschiede in der Gehirnstruktur bei Cannabiskonsumenten.

Veränderte Gehirnmorphologie

Zu den Ergebnissen gehörten eine verringerte Dicke in Bereichen, die mit motorischen und sensorischen Funktionen zu tun haben (wie z. B. die rechten präzentralen und postzentralen Gyri), und eine erhöhte Dicke in Bereichen, die am „Belohnungssystem“ des Gehirns beteiligt sind (wie z. B. der linke Nucleus accumbens).

Angesichts der Einschränkungen der Studien betonen die Autoren, dass diese Ergebnisse mit Vorsicht betrachtet werden müssen und dass es unmöglich war, zu bestimmen, ob diese Ergebnisse kausale Beziehungen widerspiegeln oder nicht.

Dopamintransporter

Studien zur funktionellen Bildgebung zeigten ebenfalls Unterschiede bei Cannabiskonsumenten mit ADHS. Zu den Ergebnissen gehörten Unterschiede in der Leistung bei standardisierten Aufgaben und eine verringerte Dichte von Dopamintransportern, wodurch die Verfügbarkeit von Dopamin, das eine Schlüsselrolle im Belohnungssystem spielt, beeinträchtigt wird.

Aufmerksamkeit

Vier Studien untersuchten die Ergebnisse von neuropsychologischen Tests oder Fragebogen bei jungen Menschen mit ADHS, die Cannabis konsumierten bzw. nicht konsumierten. Der Cannabiskonsum war mit einer verminderten Leistung bei Tests zur anhaltenden Aufmerksamkeit verbunden. Die Studien fanden jedoch keine signifikante Wechselwirkung zwischen ADHS und Cannabiskonsum.

Kognition

Überraschenderweise – da Cannabiskonsum klare und konsistente negative Auswirkungen auf die Kognition hat (gemessen an der neuropsychologischen Aufgabenleistung) – wurde in keiner der Studien ein signifikanter differentieller Einfluss des Cannabiskonsums auf diese Messungen bei Personen mit ADHS im Vergleich zu Nicht-Konsumenten festgestellt, schreiben Dr. Cawkwell und Kollegen. Dieser Mangel an Interaktion könnte jedoch nur auf die begrenzte Anzahl der bisherigen Studien zurückzuführen sein und nicht auf ein echtes Fehlen an Auswirkungen, warnen die Studienautoren.

Die Autoren merken an, dass die wichtigste Einschränkung dieser Forschungsarbeit darin besteht, dass sowohl die Anzahl der Studien als auch die Gesamtzahl der Teilnehmer begrenzt ist. Einige Studien deuten auf Unterschiede in den Auswirkungen des Cannabiskonsums in einem früheren Alter hin – eine kritische Lücke für weitere Forschung. Weitere Faktoren, die nach Ansicht der Autoren einer weiteren Untersuchung bedürfen, sind die Potenz von Cannabis (die sich laut früheren Untersuchungen in den letzten zwei Jahrzehnten etwa verdreifacht hat) und die Häufigkeit des Konsums.

© psylex.de – Quellenangabe: Harvard Review of Psychiatry (2021). DOI: 10.1097/HRP.0000000000000303

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