Emotionsregulationsstrategien auf dem Prüfstand

Lächeln führt nicht unbedingt dazu, dass man sich besser fühlt: Reaktionsorientierte Emotionsregulationsstrategien haben wenig Einfluss auf kognitive, verhaltensbezogene, physiologische und subjektive Ergebnisse

20.01.2022 Eine Studie der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Ottawa hat die Grenzen der Manipulation emotionaler Reaktionen zur Bewältigung belastender Momente aufgezeigt: Die Teilnehmer – insbesondere Frauen – verließen sich eher auf spontane, regulierte Emotionen als auf erzwungene Reaktionen zur Bewältigung.

Diese im Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry veröffentlichten Ergebnisse lassen Zweifel an früheren Forschungsergebnissen aufkommen, die ein Pokerface oder ein erzwungenes Lächeln als Mittel zur Unterdrückung von Emotionen (‚Fake it ‚till you make it‘) vorschlugen.

Das Projekt war Teil der Doktorarbeit der Erstautorin Nancy Bahl in Klinischer Psychologie, die unter der Leitung von Allison Ouimet, einer außerordentlichen Professorin an der Fakultät für Psychologie an der Universität Ottawa durchgeführt wurde. Dr. Bahl und Ouimet beantworteten Fragen zur Forschung.

Worum geht es bei dieser Forschung?

Menschen verwenden Strategien zur Emotionsregulation, um die Art, Intensität oder Dauer ihrer emotionalen Erfahrungen zu verändern. Viele Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass einige Strategien, wie z. B. die Änderung der Perspektive, hilfreicher sind als andere, und es gibt zahlreiche Forschungsergebnisse, die darauf hindeuten, dass das Verstecken unseres emotionalen Ausdrucks in einer Notlage dazu führt, dass wir uns noch schlechter fühlen. Eine Therapieform lehrt die Menschen, ein „halbes Lächeln“ aufzusetzen, wenn sie in Not sind, um ihre Stimmung zu verbessern. Diese beiden Forschungsergebnisse stehen im Widerspruch zueinander.

Im Gegensatz zu früheren Forschungsergebnissen fanden die Psychologen keinerlei Auswirkung des Aufsetzens eines Pokerface oder des Lächelns beim Betrachten negativer Bilder auf die selbstberichtete Stimmung, die Physiologie oder das Gedächtnis der Teilnehmer.

Vor allem aber berichteten die Teilnehmer am Ende der Studie, dass sie unabhängig davon, was sie zur Bewältigung ihrer Emotionen tun sollten, in der überwältigenden Mehrheit andere Strategien zur Emotionsregulation anwandten, wie z. B. die Änderung ihrer Perspektive auf die Bilder.

Mit anderen Worten, experimentelle Forschung, die eine Emotionsregulationsstrategie gegen eine andere testet, könnte einen wichtigen Fehler haben: dass die Teilnehmer ihre Emotionen spontan regulieren, unabhängig davon, in welcher Versuchsbedingung sie sich befinden.

Die Studie

Die Psychologen untersuchten eine relativ heterogene Gruppe junger Frauen, insgesamt 144. Im Versuchslabor wurde Stimmung und Grundaktivität des sympathischen Nervensystems gemessen. Sie wurden nach dem Zufallsprinzip einer von drei Bedingungen zugeteilt: Unterdrückung des Ausdrucks (Pokerface), Ausdrucksdissonanz (Lächeln) oder Kontrollgruppe („zeigen Sie Ihre Emotionen so, wie Sie es normalerweise tun würden“).

Jede Bedingung erhielt unterschiedliche Anweisungen, wie sie mit den negativen Emotionen umgehen sollten, die sie beim Betrachten von beunruhigenden Bildern empfinden könnten.

Die Psychologen maßen die Aktivität des sympathischen Nervensystems der Probandinnen während der Bildbetrachtung und baten sie, über ihre Stimmung während der Aufgabe zu berichten. Anschließend absolvierten sie eine Überraschungsaufgabe, bei der ihr Gedächtnis hinsichtlich der betrachteten Bilder getestet wurde. Zum Abschluss des Experiments füllten sie Fragebogen darüber aus, wie sie mit ihren Emotionen während der Aufgabe umgegangen waren.

Die Psychologen waren überrascht, dass es keine Unterschiede zwischen den beiden Bedingungen gab. Als sie sich ansahen, was die Teilnehmer am Ende der Studie berichteten, waren sie überrascht, wie viele Personen zusätzlich zu der von ihnen geforderten Emotionsregulationsstrategie noch andere Strategien einsetzten. Dies lässt Zweifel an früheren Ergebnissen aufkommen.

Welche Schlussfolgerungen können daraus gezogen werden?

Emotionen zu verbergen oder zu lächeln, wenn man sich ängstlich oder traurig fühlt, ist möglicherweise nicht so schädlich, wie wir bisher dachten – zumindest für junge Frauen. Was vielleicht noch wichtiger ist: Es ist vielleicht gar nicht so sinnvoll, in der Forschung eine Emotionsregulationsstrategie mit einer anderen zu vergleichen.

Die Forscher müssen sich mehr darauf konzentrieren, wie Menschen entscheiden, welche Strategien sie in welchen Situationen anwenden. So kann es beispielsweise zu Problemen in einer Beziehung führen, wenn man seine Gefühle häufig vor dem Partner versteckt, aber auch zu Problemen bei der Arbeit, wenn man seine Gefühle nie versteckt, nicht einmal vor dem Chef in einer wichtigen Sitzung. Keine Strategie ist immer hilfreich oder schädlich; stattdessen ist es wahrscheinlich besser, je nach Kontext flexibel zu sein, welche Strategie man anwendet.

© Psylex.de – Quellenangabe: Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry (2022). DOI: 10.1016/j.jbtep.2021.101695

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