Die Gehirnaktivität bei Gewalt gegen Beziehungspartner

Studie entdeckt einzigartige Hirnsignatur für Aggression in der Partnerschaft

17.10.2021 Warum verletzen Menschen diejenigen, die sie zu lieben vorgeben? Diese Frage hat Forscher dazu veranlasst, viel über die psychologischen und soziologischen Prädiktoren und Folgen von Aggression in der Partnerschaft (häuslicher Gewalt) herauszufinden. Das Verständnis der neurobiologischen Ursachen – also der Vorgänge im Gehirn – ist jedoch nach wie vor unvollständig.

In einer neuen Studie unter der Leitung von Forschern der Virginia Commonwealth University wurde mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie die Hirnaktivität von 51 männlichen und weiblichen Beziehungspartnern untersucht, während sie in Echtzeit Aggressionen in der Partnerschaft erlebten.

Sie fanden heraus, dass Aggression gegenüber Intimpartnern mit einer abweichenden Aktivität im medialen präfrontalen Kortex (MPFC) des Gehirns verbunden war. Der MPFC hat viele Funktionen, unter anderem die Fähigkeit, die Wahrnehmung von Nähe und Wertschätzung gegenüber anderen Menschen zu unterstützen.

Das Experiment

Die Forscher konnten die Gehirnaktivität von Paaren während der Aggression von Beziehungspartnern beobachten, indem sie die Teilnehmer baten, ein Computerspiel gegen drei Personen zu spielen, eine nach der anderen: ihren Liebespartner, einen engen Freund und einen Fremden. In Wirklichkeit spielten sie jedoch gegen einen Computer.

Die Teilnehmer hatten die Aufgabe, eine Taste schneller zu drücken als ihre Gegner. Der Verlierer, so wurde ihnen gesagt, würde mit einem unangenehmen Ton in den Kopfhörern bestraft werden. Die Forscher maßen die Aggression, indem sie den Teilnehmern und ihren fiktiven Gegnern die Möglichkeit gaben, die Lautstärke dieses Tons zu wählen, wobei eine höhere Lautstärke für mehr Aggression und eine niedrigere Lautstärke für weniger Aggression stand.

Im Grunde gaben die Psychologen den Teilnehmern wiederholt die Möglichkeit, jede dieser drei Personen zu verletzen oder nicht zu verletzen, und sie untersuchten, wie sich die Gehirnaktivität veränderte, je nachdem, wen sie glaubten, zu verletzen, fasst Studienautor David Chester zusammen. Aber, niemand wurde durch dieses Computerspiel tatsächlich verletzt, die Teilnehmer spielten unwissentlich gegen den Computer.

Gedämpfte Aktivität des medialen präfrontalen Kortex verbunden mit Gewalt

Die Ergebnisse der Forscher gingen auch über das Labor hinaus in die reale Welt. Sie ließen die Teilnehmer einen validierten Fragebogen ausfüllen, in dem diese gefragt wurden, ob sie vor der Studie Gewalt in der Partnerschaft ausgeübt hatten.

Sie fanden heraus, dass eine verminderte Aktivität des medialen präfrontalen Kortex einige der Gewalttaten der Teilnehmer in der realen Welt vorhersagte.

Die Psychologen hatten erwartet, dass die Aggression in der Partnerschaft mit einer einzigartigen Signatur der Gehirnaktivität verbunden ist. Was sie überraschte, war das Potenzial dieser Gehirnsignatur, Gewalt in der realen Welt vorherzusagen.

Neuronale Aktivität von Männern und Frauen

Die Forscher untersuchten auch, wie die neuronale Aktivität von Männern und Frauen die Aggression des jeweils anderen beeinflusst. Sie fanden heraus, dass die Aggression von Frauen durch die Reaktion des Gehirns ihres männlichen Partners auf wahrgenommene Provokation vorhergesagt wurde.

Dieses Ergebnis deckt sich mit dem bekannten Befund, dass die Aggression von Frauen in der Partnerschaft sehr oft der Selbstverteidigung dient, schreibt Chester.

Insgesamt böten die Ergebnisse der Studie neue Einblicke in Gehirnregionen, die sich für Interventionen zur Verringerung der Aggression in der Partnerschaft eignen und der Wissenschaft helfen, ein genaues Gehirnmodell für solche gefährlichen Handlungen zu erstellen, schließt Chester.

© Psylex.de – Quellenangabe: Biological Psychology (2021). DOI: 10.1016/j.biopsycho.2021.108195

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