(Keine) Gehirnveränderungen durch Achtsamkeitsmeditation?

Studie forschte nach strukturellen Gehirnveränderungen durch achtsamkeitsbasierte Stressreduktion

22.05.2022 Mitte des 20. Jahrhunderts zeigten neue Erkenntnisse, dass das Gehirn „plastisch“ sein kann und dass Erfahrungen Veränderungen im Gehirn bewirken können. Die Plastizität wurde mit dem Erlernen neuer Fähigkeiten in Verbindung gebracht, darunter räumliche Navigation, aerobes Training und Gleichgewichtstraining.

Dennoch blieb die Frage offen, ob Achtsamkeitsübungen wie Meditation die Struktur des Gehirns verändern können. Einige Forschungsarbeiten unter Verwendung eines achtwöchigen Kurses zur achtsamkeitsbasierten Stressreduzierung (Mindfulness-Based Stress Reduction) legen dies nahe. Diese Studie war jedoch vom Umfang und von der Technologie her begrenzt und möglicherweise durch die Wahl der Teilnehmer verzerrt.

In einer neuen Forschungsarbeit fand ein Team des Center for Healthy Minds an der University of Wisconsin-Madison unter der Leitung von Richard J. Davidson keine Hinweise auf strukturelle Veränderungen des Gehirns bei kurzfristigem Achtsamkeitstraining.

Die Studie

Die in Science Advances veröffentlichte Forschungsarbeit ist die bislang größte und am strengsten kontrollierte Untersuchung. In zwei neuartigen Studien wurden mehr als 200 gesunde Teilnehmer ohne Meditationserfahrung oder psychische Probleme einer MRT-Untersuchung ihres Gehirns unterzogen, bevor sie nach dem Zufallsprinzip einer von drei Studiengruppen zugeteilt wurden: einem achtwöchigen Achtsamkeitsmeditationskurs (MBSR: Mindfulness-Based Stress Reduction), einer nicht achtsamkeitsbasierten Wohlfühl-Intervention namens Health Enhancement Program (HEP) oder einer Kontrollgruppe, die keinerlei Training erhielt.

Das Achtsamkeitstraining wurde von zertifizierten Ausbildern abgehalten und umfasste Achtsamkeitsübungen wie Yoga, Meditation und Körperwahrnehmung. Der HEP-Kurs wurde als eine Aktivität entwickelt, die dem MBSR-Kurs ähnelt, jedoch ohne Achtsamkeitstraining. Stattdessen beschäftigten sich die Teilnehmer mit Bewegung, Musiktherapie und Ernährungspraktiken. Beide Gruppen verbrachten zusätzliche Zeit mit Übungen zu Hause.

Nach jeder achtwöchigen Studie wurden alle Teilnehmer einer abschließenden MRT-Untersuchung unterzogen, um Veränderungen in der Gehirnstruktur zu messen. Die Daten aus den beiden Studien wurden zusammengeführt, um eine große Stichprobe zu erhalten.

Keine signifikanten Unterschiede in den strukturellen Gehirnveränderungen

Es wurden keine signifikanten Unterschiede in den strukturellen Gehirnveränderungen zwischen Achtsamkeitsübungen und den beiden Kontrollgruppen festgestellt.

Die Teilnehmer wurden außerdem gebeten, nach der Studie einen Selbstbericht über ihre Achtsamkeit abzugeben. Sowohl die Teilnehmer der Achtsamkeits- als auch der HEP-Gruppe gaben an, dass ihre Achtsamkeit im Vergleich zur Kontrollgruppe zugenommen hat, was darauf hindeutet, dass die Verbesserung der selbstberichteten Achtsamkeit mit den Nutzen jeglicher Art von Wellness-Intervention generell zusammenhängt und nicht nur mit der Achtsamkeitsmeditationspraxis.

Was ist nun mit der früheren Studie, die Hinweise auf strukturelle Veränderungen im Gehirn gefunden hat? Da die Teilnehmer an dieser Studie einen Kurs zur Stresslinderung besuchten, hatten sie möglicherweise mehr Spielraum für Verbesserungen als die hier untersuchte gesunde Bevölkerung. Mit anderen Worten, so die Hauptautorin der neuen Studie, die Verhaltenswissenschaftlerin und Erstautorin Tammi Kral, „die einfache Entscheidung, an einem Achtsamkeitskurs teilzunehmen, kann mit einem größeren Nutzen verbunden sein“. Die aktuelle Studie verfügte außerdem über eine wesentlich größere Stichprobe, was das Vertrauen in die Ergebnisse erhöht.

Möglicherweise könnte vielleicht nur bei einer viel längeren Trainingsdauer oder einem Training, das sich explizit auf eine einzige Übungsform konzentriert, strukturelle Veränderungen festgestellt werden, schreiben die Wissenschaftler. Während strukturelle Hirnveränderungen bei körperlichem und räumlichem Training festgestellt werden, erstreckt sich das Achtsamkeitstraining auf eine Reihe psychologischer Bereiche wie Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Emotionen. Bei diesem Training wird ein komplexes Netzwerk von Hirnregionen angesprochen, die sich bei den einzelnen Personen unterschiedlich stark verändern können, was es schwierig macht, allgemeine Veränderungen auf Gruppenebene zu beobachten.

Diese überraschenden Ergebnisse unterstreichen letztlich, wie wichtig es ist, positive Ergebnisse genau zu prüfen und durch Wiederholung zu verifizieren. Darüber hinaus könnten Studien über längerfristige Interventionen sowie solche, die sich ausschließlich auf Meditationspraktiken beziehen, zu anderen Ergebnissen führen. „Wir befinden uns noch im Anfangsstadium der Forschung über die Auswirkungen von Meditationstraining auf das Gehirn, und es gibt noch viel zu entdecken“, sagt Davidson.

© Psylex.de – Quellenangabe: Science Advances, 2022; 8 (20) DOI: 10.1126/sciadv.abk3316

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