Kritik der Eltern tut weh: Ein Blick ins Innere des jugendlichen Gehirns

Die affektiven und neuronalen Reaktionen Jugendlicher auf Lob und Kritik der Eltern

21.04.2022 Es mag so scheinen, dass Jugendliche tun, was sie wollen, aber sie sind empfindlicher für die Meinung ihrer Eltern, als es den Anschein hat. Das Gehirn von Jugendlichen reagiert stark auf elterliche Kritik oder Lob. Dies sind die Ergebnisse einer in Developmental Cognitive Neuroscience veröffentlichten Studie einer interdisziplinären Forschungsgruppe von Psychologen und Neurowissenschaftlern der Universität Leiden.

63 Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren nahmen an der Studie teil. Während eines MRT-Scans ihrer Gehirne wurden ihnen Komplimente, neutrales Feedback oder Kritik an ihrer Persönlichkeit gezeigt; die Komplimente, das Feedback oder die Kritik schienen von ihren Eltern zu stammen. „Auf einem Bildschirm im MRT sahen sie das Feedback ihrer Eltern: „Dein Vater hält dich für gemein“ oder „Deine Mutter hält dich für intelligent“. Da sowohl die Eltern als auch die Jugendlichen zuvor Fragebogen zu diesen Persönlichkeitsmerkmalen ausgefüllt hatten, nahmen die Jugendlichen die Kommentare der Eltern als real wahr, sagt Forscherin Lisanne van Houtum.

Kritik bleibt haften

Nach jedem Lob oder jeder Kritik gaben die Jugendlichen ihre Stimmung an. Es überrascht nicht, dass sich ihre Stimmung nach einem Kompliment verbesserte und nach einem negativen Kommentar verschlechterte, vor allem, wenn diese Kritik nicht mit ihrem Selbstbild übereinstimmte. Obwohl die Jugendlichen die gleiche Anzahl an Kritikpunkten, Lobpunkten und neutralen Kommentaren von ihren „Eltern“ erhielten, fühlten sie sich nach der Feedback-Aufgabe weniger gut in ihrer Haut. Van Houtum: „Wir denken daher, dass Kritik von den Eltern eher haften bleibt als Komplimente.“

Die elterlichen Kommentare wirkten sich nicht nur auf das Selbstvertrauen der Jugendlichen aus, sondern das Gehirn der Jugendlichen reagierte auch ganz anders auf Komplimente als auf Kritik, wie die Scans zeigten. Kritik aktivierte Regionen des Gehirns, die an der Verarbeitung von Emotionen und Schmerz beteiligt sind, Regionen, die auch aktiviert werden, wenn Menschen körperliche Schmerzen empfinden. Sowohl Kritik als auch Komplimente rufen Aktivitäten in Gehirnregionen hervor, die mit sozialer Kognition zu tun haben, z. B. mit dem Verstehen der Gefühle und Absichten anderer Menschen.

Schmerz

„Die Ergebnisse der Scans zeigen, dass Kritik wirklich ‚weh‘ zu tun scheint. Dieser Schmerz scheint bei Jugendlichen, die ein relativ positives Selbstbild haben und die ihre Eltern als warmherzig empfinden, nicht geringer zu sein. Interessanterweise haben wir nicht festgestellt, dass elterliches Lob das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert“, sagen die Psychologen. Bisher konzentrierte sich die Forschung vor allem auf die Auswirkungen des Feedbacks von Gleichaltrigen auf das jugendliche Gehirn und darauf, wie dies mit dem Selbstwertgefühl von Jugendlichen zusammenhängt. Über den Einfluss der Meinung der Eltern auf ihre Kinder gibt es jedoch kaum Forschungsdaten.

Die Ergebnisse werden den Forschern helfen zu verstehen, wie elterliche Komplimente und Kritik auf Heranwachsende wirken. Van Houtum: „Wir können die Eltern für die Auswirkungen ihrer Worte sensibilisieren. Aber es kann auch bei der Gestaltung der Familientherapie und bei der weiteren Erforschung von psychischen Problemen bei Jugendlichen, wie z. B. Depressionen, helfen, bei denen ein geringes Selbstwertgefühl und die Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung oft eine Hauptrolle spielen.“

© Psylex.de – Quellenangabe: Developmental Cognitive Neuroscience (2022). DOI: 10.1016/j.dcn.2022.101099




Welche Erfahrung haben Sie damit gemacht? Aus Lesbarkeitsgründen bitte Punkt und Komma nicht vergessen (keine persönlichen Angaben - wie voller Name, Anschrift etc).