Starker Lebenssinn macht weniger einsam

Verändern sich die Zusammenhänge zwischen Lebenssinn, sozialer Unterstützung und Einsamkeit im Verlauf des Erwachsenenlebens?

Starker Lebenssinn macht weniger einsam

27.06.2023 Eine neue in der Zeitschrift Psychology and Aging veröffentlichte Studie, an der Patrick Hill vom Fachbereich für Psychologie und Hirnforschung mitgewirkt hat, enthält eine wichtige Botschaft für unsere Zeit: Ein Sinn im Leben zu haben – sei es ein hochgestecktes Ziel, etwas zu bewirken, oder ein einfaches Hobby mit persönlicher Bedeutung – kann ein wirksamer Schutz gegen Einsamkeitsgefühle sein.

„Es ist bekannt, dass Einsamkeit einer der wichtigsten psychologischen Prädiktoren für Gesundheitsprobleme, kognitiven Abbau und frühe Sterblichkeit ist“, so Hill. „Studien zeigen, dass sie für die Gesundheit genauso schädlich sein kann wie Rauchen oder schlechte Ernährung.“

Die neue auf Erhebungen bei mehr als 2.300 Erwachsenen in der Schweiz beruhende Forschungsarbeit ergab, dass Menschen, die über ein zielgerichtetes Leben berichteten, unabhängig von ihrem Alter seltener unter Einsamkeitsgefühlen litten. Die Studie wurde gemeinsam von Mathias Allemand von der Universität Zürich in der Schweiz und Gabriel Olaru von der Universität Tilburg in den Niederlanden verfasst.

Die Befragten wurden gebeten, während eines vierwöchigen Zeitraums ihre Gefühle in Bezug auf fehlende Gesellschaft, Isolation von anderen Menschen und das Gefühl, „ausgegrenzt oder übergangen zu werden“ zu bewerten. Die Teilnehmer füllten auch den sechs Punkte umfassenden Life Engagement Test aus, wobei sie Aussagen wie „Ich habe nicht genug Sinn in meinem Leben“ und „Ich schätze meine Aktivitäten sehr“ bewerten sollten.

„Ein Lebenszweck ist die allgemeine Wahrnehmung, dass man etwas hat, das einen von einem Tag auf den anderen leitet und lenkt“, so Hill. „Das kann etwas sein wie Gartenarbeit, die Unterstützung der Familie oder Erfolg im Beruf.“

Viele der Aktivitäten, die ein Gefühl der Sinnhaftigkeit vermitteln können – der Beitritt zu einem Verein, die ehrenamtliche Arbeit an einer Schule, die Teilnahme an einer Sportvereinigung -, erfordern die Interaktion mit anderen, was ein Grund dafür ist, dass ein zielgerichtetes Leben weniger einsam ist. In der Studie berichteten Menschen, die angaben, soziale Unterstützung zu erhalten oder zu leisten, besonders häufig von einem Gefühl der Sinnhaftigkeit.

Hill merkte jedoch an, dass zur Bekämpfung der Einsamkeit mehr gehört, als nur mit anderen zusammen zu sein. Wir alle haben uns in unserem Leben schon einmal einsam gefühlt, obwohl wir eigentlich gar nicht allein waren. Das Gefühl, ein Ziel zu haben, scheint die Einsamkeit zu verringern, unabhängig davon, wie viele Menschen beteiligt sind, sagte er.

Die Studie ergab einen leichten Anstieg der Berichte über Einsamkeit bei Menschen ab 70, einem Alter, in dem ein Sinn für Ziele besonders wichtig sein kann. „Wir versuchen, mit dem Mythos früherer Generationen aufzuräumen, dass dies einfach eine Zeit ist, in der man sich zurückzieht und ausruht“, so Hill. „Es gibt keine Nachteile, wenn man später im Leben etwas Sinnvolles tut.“

Dennoch ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die Suche nach dem Sinn des Lebens ein wenig selbstzerstörerisch sein kann, wenn man sie zu ernst nimmt. „Das Gefühl, die Welt retten zu müssen, kann zu existenzieller Angst und Verzweiflung führen“, so Hill. Wenn es um Sinn und Zweck geht, können auch kleine Dinge wichtig sein. „Es ist in Ordnung, wenn jemand anderes denkt, dass Dein Ziel trivial ist, solange es für Dich von Bedeutung ist.“

© Psylex.de – Quellenangabe: Psychology and Aging (2023). DOI: 10.1037/pag0000733

News zu Einsamkeit und Lebenssinn

Der Sinn im Leben mindert Einsamkeitsgefühl in der COVID-19-Isolation

17.06.2021 Warum überstehen manche Menschen den Stress der sozialen Isolation besser als andere, und welche Auswirkungen hat dies auf ihre (psychische) Gesundheit? Neue Forschungsergebnisse des Communication Neuroscience Lab an der Annenberg School for Communication der University of Pennsylvania zeigen, dass Menschen, die einen ausgeprägten Lebenssinn haben, während der COVID-19-Pandemie sich weniger einsam fühlten.

Missachteten sie dabei die Richtlinien des öffentlichen Gesundheitswesens? Nein. Obwohl isoliertere Menschen weniger geneigt waren, die Anweisungen des Gesundheitswesens zu befolgen, zeigten Menschen mit einem stärkeren Sinn im Leben auch eine größere Bereitschaft, sich sozial zu distanzieren, sich die Hände zu waschen und andere Verhaltensweisen zum Schutz vor COVID-19 anzuwenden.

Sinn im Leben

Sinn im Leben oder das Gefühl, dass das eigene Leben von persönlich bedeutsamen Werten und Zielen geleitet wird, wurde bereits in früheren Untersuchungen mit einer Reihe positiver gesundheitlicher Ergebnisse in Verbindung gebracht, sowohl physisch als auch psychisch.

Basierend auf ihren früheren Forschungen erwarteten die Studienautoren Yoona Kang und ihre Mitarbeiter, dass Menschen mit einem ausgeprägten Lebenssinn eher zu COVID-19-Präventionsverhalten neigen würden als Personen mit einem geringeren Lebenssinn Um ihre Theorie zu testen, befragten die Forscher mehr als 500 erwachsene Teilnehmer zu ihrem Lebenssinn, ihrem aktuellen und dem vor der Pandemie herrschenden Grad an Einsamkeit und wie sehr sie vorhatten, sich an Verhaltensweisen zur Eindämmung der Verbreitung von COVID-19 zu halten.

Einsamkeitsgefühle und Corona-Präventivmaßnahmen

Sie fanden heraus, dass ein höheres Maß an Einsamkeit dazu führte, dass die Menschen sich weniger darauf fokussierten, sich vor COVID-19 zu schützen, und dass sie skeptischer waren, dass Verhaltensweisen zur Verhinderung von COVID-19 effektiv sein würden.

Ein stärkeres Gefühl der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens war jedoch mit einem geringeren Maß an Einsamkeit und einem größeren Wunsch verbunden, Maßnahmen zu ergreifen, um sich vor COVID-19 zu schützen.

Zuversicht

Personen mit einem stärkeren Lebenssinn äußerten auch eine stärkere Überzeugung, dass das Verhalten zur COVID-19-Prävention funktionieren würde. Selbst wenn Teilnehmer mit starkem Lebenssinn angaben, sich einsam zu fühlen, waren sie dennoch fest davon überzeugt, Maßnahmen zur Vorbeugung von COVID-19 zu ergreifen.

Wenn man mit extremer Einsamkeit und sozialer Isolation konfrontiert ist, wie während der COVID-19-Pandemie, ist es eine natürliche Reaktion, sich trotz der Gesundheitsrisiken mit anderen Menschen zu verbinden, sagt Kang.

Lebensrettende Gesundheitsentscheidungen

Und doch fanden die Psychologen inmitten dieser drastischen Verschiebung des sozialen Lebens heraus, dass Menschen mit einem höheren Lebenssinn sich eher an Präventionsmaßnahmen beteiligen. Das sei bemerkenswert, weil es aufzeige, dass der Sinn des Lebens Menschen dazu befähigen kann, lebensrettende Gesundheitsentscheidungen zu treffen, die ihre eigene Gesundheit und die ihrer Umgebung schützen, schreiben die Wissenschaftler.

Zusätzlich fanden die Forscher heraus, dass ältere Menschen während der COVID-19-Pandemie weniger Einsamkeitgefühle äußerten als jüngere Menschen. Kang sieht dies als ein Zeichen für die psychologische Resilienz (Widerstandsfähigkeit) älterer Erwachsener und hofft, weiter zu erforschen, wie Lebenssinn und Resilienz in alternden Bevölkerungsgruppen verbessert werden können.

© psylex.de – Quellenangabe: The Gerontologist, gnab081, https://doi.org/10.1093/geront/gnab081

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