Angststörung: Rekonditionierung

Angststörung: Rekonditionierung

Psychische Störungen

Rekonditionierung des Gehirns zur Überwindung der Angst

22.11.2016 Forscher haben entdeckt, dass spezifische Ängste (bestimmte Phobien; PTBS) durch eine Kombination aus künstlicher Intelligenz und Gehirnscans rekonditioniert werden können laut einer im Fachblatt Nature Human Behaviour veröffentlichten Studie.

Konfrontation ist schmerzhaft

Die derzeitige Psychotherapie der Wahl ist die Konfrontations- oder Expositionsbehandlung, bei der der Patient mit dem aversiven Reiz konfrontiert wird, bis die Angst nachlässt.

Diese Methode ist für Patienten aber höchst unangenehm und langfristig oft nicht sehr erfolgreich. Neuropsychologen der Universität Cambridge, sowie Wissenschaftler aus Japan und den USA haben nun einen Weg gefunden, unbewusst Angst aus dem Gedächtnis zu entfernen und die Angststörung so erfolgreich zu behandeln.

Dekodiertes Neurofeedback

angst
Bild: LoganArt

Sie entwickelten eine Methode, die Angst im Gedächtnis zu lesen und zu identifizieren, eine neue von ihnen decoded neurofeedback (‚Dekodiertes Neurofeedback‚) genannte Technik.

Bei dieser Methode wird das Gehirn auf Aktivitäten und komplexe Muster abgetastet, die zu bestimmten angstbesetzten Erinnerungen gehören.

In der Pilotstudie wurde bei 17 Freiwilligen eine angstbesetzte Erinnerung im Gedächtnis durch die Verabreichung eines elektrischen Schocks bei einem bestimmten Bild erzeugt.

Wurde das Muster dieser Angststörung dann im Gehirn entdeckt, überschrieben (rekonditionierten) die Neuropsychologen die Gedächtnisspur (indem sie den Probanden eine Belohnung gaben).

Unbewusste Überschreibung der angstbesetzten Erinnerung

Studienautor Dr. Ben Seymour erklärte, dass sie durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Lage waren, sehr schnell und akkurat die angstbesetzten Erinnerungen zu lesen. Doch wie diesen Gedächtnisinhalt verringern oder löschen, ohne ihn ins Bewusstsein zu holen?

Die Forscher konnten selbst in Ruhephasen der Teilnehmer kurze Momente sehen, in denen das Angst-Muster während fluktuierender Gehirnaktivitäten teilweise auftauchte, auch wenn die Freiwilligen sich dessen nicht bewusst waren.

Da diese Gehirnmuster dann schnell dekodiert werden konnten, gaben sie den Teilnehmern jedes Mal eine Belohnung – einen kleinen Geldbetrag – wenn sie dieses Muster der Angsterinnerung entdeckten.

Das Team wiederholte das Verfahren über drei Tage, wobei die Freiwilligen größtenteils im Unklaren über die Prozedur gehalten wurden.

Rekonditionierung in etwas Positives

Koautorin Dr. Ai Koizumi sagte, dass die Merkmale des Gedächtnismusters, das vorher darauf abgestimmt wurde, den schmerzhaften Schock vorauszusagen, ‚umprogrammiert‘ – also rekonditioniert – wurden, um etwas Positives stattdessen zu prognostizieren.

Das Team prüfte dann, was geschah, als sie den Freiwilligen, die mit den Elektroschocks verbundenen Bilder zeigten.

Bemerkenswerterweise konnten sie die typische Angstreaktion des Hautschwitzens nicht mehr sehen. Auch konnten sie keine erhöhte Aktivität in der Amygdala – dem Angstzentrum des Gehirns – identifizieren, sagte Koizumi. Das bedeutet, dass sie im Stande gewesen waren, die Angsterinnerung zu löschen, ohne dass den Freiwilligen dies jemals bewusst war, sagte sie.

PTBS, Phobien

Obwohl die Studiengröße noch klein war, hofft das Team, dass die Technik in eine klinische Behandlung für Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) oder spezischen Angststörungen (Phobien) entwickelt werden kann.

Um das bei Patienten anzuwenden, müssten die Wissenschaftler eine Bibliothek der Gehirninformationscodes für die verschiedenen Dinge aufbauen, vor denen manche Menschen eine pathologische Angst haben – wie z.B. Spinnen, Höhe etc., fügte Dr. Seymour hinzu. Dann, im Prinzip, könnten Patienten an regelmäßigen Sitzungen teilnehmen, in denen dekodierendes Neurofeedback ihnen die Angst nimmt und damit die Angststörung allmählich löscht oder rekonditioniert.

Solch eine Behandlung hat gegenüber traditionellen Behandlungsansätzen Vorteile, wie keine Nebenwirkungen durch Medikamente oder Stress in der Konfrontationstherapie, schlossen die Forscher.

© PSYLEX.de – Quellenangabe: Universität Cambridge, Nature Human Behaviour – DOI: 10.1038/S41562-016-0006; Nov. 2016

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