Wie der Radikalisierung von „wahren Gläubigen“ begegnet werden kann

Warum wahre Gläubige das ultimative Opfer bringen: Heilige Werte, moralische Überzeugungen oder Identitätsverschmelzung?

16.11.2021 „Wahre Gläubige“, die ein extremes Verhalten an den Tag legen, werden von dem Ausmaß angetrieben, in dem ihre Identität mit einer Sache oder einem Glauben verschmolzen ist, so eine neue Studie.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine wirksame Strategie zur Deradikalisierung darin bestehen könnte, wahre Gläubige dazu zu bringen, an neue Gedankengänge zu glauben, anstatt sie zu zwingen, ihren Anschauungen abzuschwören.

Eine neue in Frontiers in Psychology veröffentlichte Studie hat uns dem Verständnis dessen näher gebracht, was wahre Gläubige zu extremem Verhalten veranlasst. Die Ergebnisse zeigen, dass es im Kampf gegen Radikalisierung hilfreich sein kann, mehr darüber zu erfahren, wie und warum die Identität einer Person mit einer Sache verschmelzen kann.

Ein wahrer Gläubiger hält sich strikt an einen bestimmten Glauben, z. B. eine Religion oder eine moralische Einstellung. Sie können ihr Leben einer guten Sache widmen, z. B. dem Kampf für Menschen- oder Tierrechte. Sie können aber auch ein extrem negatives Verhalten an den Tag legen, wie z. B. terroristische Handlungen begehen.

Frühere Forschungen haben drei Konstrukte identifiziert, die extremes Verhalten erklären können: heilige Werte, moralische Überzeugungen und Identitätsverschmelzung.

Die Forschung hat gezeigt, dass die Auffassung, ein Wert sei heilig und daher nicht verhandelbar, extremes Verhalten für diesen Wert vorhersagt. Wenn zum Beispiel Ihre Haltung zur Abtreibung nicht verhandelbar ist, sind Sie eher bereit, für diese Sache zu kämpfen und zu sterben, erklärt Francois Alexi Martel von der University of Texas in Austin.

Wenn man seine Haltung zu einem Thema als moralische Überzeugung betrachtet oder als etwas, das man als universell moralisch ansieht, sagt dies ebenfalls ein extremes Verhalten zur Verteidigung dieses Themas voraus. Und schließlich ist man, wenn die eigene Identität mit einer Sache „verschmolzen“ ist, eher bereit, für diese Sache zu kämpfen und zu sterben.

Würden Sie für Ihre Sache kämpfen und sterben?

Auf der Grundlage dieser Konstrukte führten die Forscher sechs Studien durch, um herauszufinden, welche Variable – allein oder in Kombination – die Aufopferung für eine Sache am besten vorhersagt. Sie maßen alle drei Konstrukte in Bezug auf zwei Anliegen, nämlich Waffenrechte und Abtreibungsrechte. Das Ergebnis war die Befürwortung des Kämpfens und Sterbens für die Sache. Die Studien wurden mit Teilnehmern aus den USA und Spanien durchgeführt.

Sie ergaben, dass alle drei Konstrukte mit der Befürwortung des Kampfes und des Sterbens für eine Sache zusammenhingen, allerdings nicht in gleichem Maße. Heilige Werte waren der am wenigsten starke Faktor, gefolgt von moralischen Überzeugungen. Die Identitätsverschmelzung war der stärkste Faktor.

Die Identitätsverschmelzung mit einer Sache war eine bessere Vorhersagevariable für die Bereitschaft, sich für diese Sache aufzuopfern, als die Heiligkeit der mit der Sache verbundenen Werte oder die Tatsache, dass die Sache eine moralische Überzeugung darstellt. Dieses Muster zeigte sich unabhängig davon, ob die Verschmelzung der Menschen mit ihrer Position in der Frage der Waffenrechte (für oder gegen Waffen) oder in der Abtreibungsfrage (für oder gegen das Leben) bewertet wurde, sagt Martel.

Der Weg zur Deradikalisierung

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen sich radikalisieren können, die stark mit ihrer Sache verbunden sind und eine Bedrohung für diese wahrnehmen. Ob sich eine stark verwurzelte Person radikalisiert, hängt von dem Ziel ihrer Überzeugungen ab. Jemand, der stark mit bestimmten religiösen Überzeugungen verbunden ist, ist eher bereit, sein Leben für seine Sache zu opfern als jemand, der mit einer Musikband verbunden ist.

Dennoch zeigen die Ergebnisse Anhaltspunkte, die bei der Deradikalisierung von Extremisten helfen könnten. Diese Forschungsergebnisse könnten zur Entwicklung von Strategien genutzt werden, die darauf abzielen, potenzielle Terroristen, gewaltbereite politische Extremisten oder andere potenzielle Radikale zu identifizieren, die Gewalttaten begehen und Menschenleben kosten könnten, sagt Martel.

Der Weg zur Deradikalisierung ist nicht einfach. Für mit ihrer Sache verwachsende Menschen bedeutet Deradikalisierung, dass sie einen Teil ihres persönlichen Selbst aufgeben müssen. Die Autoren schlagen jedoch eine Strategie vor, die wirksam sein könnte:

Auf der Grundlage unserer Forschung glauben wir, dass die Verlagerung von Radikalen von der Verschmelzung mit einer extremistischen zu einer wohlwollenden Sache sie von einer Kraft des Bösen zu einer Kraft des Guten machen kann.

© Psylex.de – Quellenangabe: Frontiers in Psychology (2021). DOI: 10.3389/fpsyg.2021.779120

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