Wie Sehen und Hören im Gehirn zusammenarbeiten

Wechselwirkungen zwischen auditiver Verarbeitung und visueller Erfahrung treten erst in der späten Entwicklung auf

07.12.2021 Es ist allgemein bekannt, dass unsere Sinne nicht völlig isoliert von den anderen funktionieren: Das Sehen hilft beim (Zu-)Hören (und das ist vielleicht der Grund, warum es schwierig ist, Menschen zu verstehen, wenn sie mit einer Maske sprechen), kann aber auch den Geschmack beeinflussen.

Wissenschaftler untersuchen seit langem, wie das Gehirn seine Repräsentation der Realität durch Sinneserfahrungen aufbaut und inwieweit jeder Sinn dabei die anderen braucht oder von ihnen beeinflusst wird.

Die Studie

In einer neuen in iScience veröffentlichten Studie hat eine Gruppe von Forschern der IMT School for Advanced Studies Lucca untersucht, wie und in welchem Ausmaß das Sehen die Entwicklung des Hörens beeinflusst.

Zu diesem Zweck rekrutierten die Forscher des Molecular Mind Lab an der IMT School für ihr Experiment Menschen mit normalem Sehvermögen und Menschen, die von Geburt an blind waren oder später im Leben ihr Augenlicht verloren hatten.

Die Teilnehmer mussten verschiedene „synthetische Geräusche“ hören und unterscheiden, d. h. Geräusche, die auf der Grundlage der akustischen Merkmale ihrer natürlichen Gegenstücke erzeugt wurden.

Diese besondere Methode ermöglichte es den Forschern, alle gewünschten Eigenschaften der Geräusche zu kontrollieren und zu manipulieren und gleichzeitig die Tests unter lebensähnlichen Bedingungen durchzuführen, wobei die Teilnehmer vertraute Geräusche wie Regen, Feuer, Klatschen oder Schreibmaschinenschreiben hörten.

Für die Studie hörten die Teilnehmer verschiedene Geräusche und trafen eine Reihe von Entscheidungen. So sollten sie beispielsweise angeben, welches Geräusch sich von den anderen in einer Reihe von akustischen Mustern unterscheidet, oder sie sollten zwischen verschiedenen Quellen unterscheiden.

Grundlegende Hörprozesse entwickeln sich unabhängig vom Sehvermögen

Im Gegensatz zu dem, was aufgrund früherer Forschungen zu erwarten war, wonach das Gehör durch das Fehlen des Sehvermögens stark beeinflusst wird, waren angeborene Blinde und Normalsichtige bei der Bewältigung dieser Aufgaben gleich gut.

Den Forschern zufolge zeigt dies, dass sich die grundlegenden Hörprozesse unabhängig vom Sehvermögen entwickeln, d. h. das Gehirn braucht keine visuelle Erfahrung, um grundlegende Elemente aus Hörereignissen zu extrahieren.

Der einzige beobachtete Unterschied bestand zwischen Menschen, die von Geburt an blind waren, und solchen, die erst später im Leben blind wurden. In diesem Fall hatten die blinden Personen mehr Schwierigkeiten bei der Bewältigung der Versuchsaufgaben und scheinen die akustischen Informationen anders zu nutzen als sehende und von Geburt an blinde Menschen.

Insbesondere scheinen Personen, die später im Leben ihr Augenlicht verloren haben, die akustischen Informationen „global“ zu verarbeiten und weniger auf Details zu achten.

Die Forscher sind sich über die Ursache dieser veränderten Verarbeitung nicht im Klaren, vermuten aber, dass es sich um eine Art Anpassung an die neue Bedingung für sehbehinderte Menschen handeln könnte, Objekte anhand von Geräuschen sofort zu erkennen.

© Psylex.de – Quellenangabe: Martina Berto et al, Interactions between auditory statistics processing and visual experience emerge only in late development, iScience (2021). DOI: 10.1016/j.isci.2021.103383

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