„Prognose-Maschine“ des Gehirns antizipiert die Zukunft beim Musikhören

Vorhersageunsicherheit liegt der akustischen Grenzwahrnehmung zugrunde

20.08.2021 Egal, ob wir ein Bach-Konzert oder die neuesten Popsongs hören, das menschliche Gehirn wartet nicht passiv darauf, dass sich das Lied entfaltet. Stattdessen sagt unser Gehirn automatisch voraus, wie die Melodie enden wird, wenn eine musikalische Phrase eine ungelöste oder ungewisse Qualität aufweist.

Verarbeitung von Musik im Gehirn

Frühere Vorstellungen darüber, wie das menschliche Gehirn Musik verarbeitet, legten nahe, dass musikalische Phrasen eher rückwärts als vorwärts wahrgenommen werden. In der Fachzeitschrift Psychological Science veröffentlichte Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass das menschliche Gehirn das Vorangegangene berücksichtigt, um zu erahnen, was als nächstes kommt.

Das Gehirn ist ständig einen Schritt voraus und passt seine Erwartungen an das an, was als Nächstes kommt, sagt Studienautor Niels Chr. Hansen vom Aarhus Institute of Advanced Studies. Diese Erkenntnis stellt frühere Annahmen in Frage, wonach sich musikalische Phrasen erst dann beendet anfühlen, wenn die nächste Phrase bereits begonnen hat.

Hansen und seine Kollegen konzentrierten sich bei ihrer Forschung auf eine der grundlegenden Einheiten der Musik, die musikalische Phrase – eine Abfolge oder ein Muster von Klängen, die einen bestimmten musikalischen „Gedanken“ innerhalb einer Melodie bilden. Wie ein Satz ist eine musikalische Phrase ein kohärenter und vollständiger Teil eines größeren Ganzen, aber sie kann mit einer gewissen Ungewissheit darüber enden, was als nächstes in der Melodie kommt. Die neuen Forschungsergebnisse zeigen, dass Hörer diese Momente der Unsicherheit oder hohen Entropie nutzen, um zu bestimmen, wo eine Phrase endet und eine andere beginnt.

Wir wissen nur wenig darüber, wie das Gehirn bestimmt, wann etwas beginnt und endet, sagt Hansen. Hier bietet die Musik ein perfektes Feld, um etwas zu messen, was sonst schwer zu messen ist – nämlich die Unsicherheit.

Die Studie

Um die musikalische Vorhersagekraft des Gehirns zu untersuchen, ließen die Forscher 38 Teilnehmer Choralmelodien von Bach Note für Note anhören. Die Teilnehmer konnten die Musik durch Drücken der Leertaste auf einer Computertastatur unterbrechen und neu starten.

Den Teilnehmern wurde gesagt, dass sie anschließend darauf getestet würden, wie gut sie sich an die Melodien erinnern konnten. Auf diese Weise konnten die Forscher die Zeit, die die Teilnehmer bei jedem Ton verweilten, als indirekten Maßstab für ihr Verständnis der musikalischen Phrasierung verwenden.

In einem zweiten Experiment hörten sich 31 verschiedene Teilnehmer dieselben musikalischen Phrasen an und bewerteten anschließend, wie vollständig sie klangen. Die Teilnehmer bewerteten Melodien, die auf Tönen mit hoher Entropie endeten, als vollständiger – und verweilten länger bei ihnen.

Wir konnten zeigen, dass Menschen dazu neigen, Töne mit hoher Entropie als Abschluss von Musikphrasen zu empfinden. Dies ist Grundlagenforschung, die uns bewusster macht, wie das menschliche Gehirn neues Wissen erwirbt, nicht nur aus der Musik, sondern auch bei Sprache, Bewegungen oder anderen Dingen, die im Laufe der Zeit stattfinden, sagte Mitautorin Haley Kragness von der University of Toronto Scarborough.

© psylex.de – Quellenangabe: Psychological Science (2021). DOI: 10.1177/0956797621997349

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