Wer anfälliger für Binge Watching ist

Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale können Sie anfälliger für problematisches Binge Watching machen

24.11.2021 Einst mussten Fernsehzuschauer jede Woche geduldig auf eine neue Folge ihrer Lieblingsserie warten. Streaming-Dienste haben dieses Modell auf den Kopf gestellt und ermöglichen den ungehinderten Zugang zu einer ganzen Staffel von Episoden – und haben damit das Phänomen des „Binge Watching“ (auch Binge Viewing, Komaglotzen oder Serienmarathon genannt) ausgelöst.

Jüngste psychologische Forschungen zu diesem Verhalten deuten darauf hin, dass es anderen süchtig machenden Aktivitäten, z. B. Online-Spielen, ähnlich ist. In einer neuen in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychiatry veröffentlichten Studie wurde untersucht, welche Faktoren zur Vorhersage von ungesundem Binge Watching beitragen können.

Eskapismus

Marathon-Serien im Fernsehen gibt es zwar schon seit Jahrzehnten, doch erst mit dem beliebten Streaming-Dienst Netflix kam das Binge Watching so richtig in Schwung. Seitdem ist es zu einer beliebten Art der Freizeitgestaltung geworden, insbesondere während der aktuellen Pandemie.

Eine wachsende Zahl von Forschungsergebnissen deutet darauf hin, dass dieser Eskapismus negative Folgen haben kann, indem er unter anderem zu ungesunden Essgewohnheiten, unsozialem Verhalten und schlechten Arbeits- oder Studienleistungen führt. Dies hat Sozialwissenschaftler wie die Verfasser der jüngsten Studie aus Polen zur Untersuchung der möglichen Faktoren für das Binge-Watching-Verhalten veranlasst.

Die Forscher befragten eine Gruppe von 645 Personen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren, die angaben, zwei oder mehr Episoden einer Fernsehsendung in einer Sitzung gesehen zu haben. Die Teilnehmer beantworteten eine Reihe von Fragen, die ihre Impulsivität, Emotionsregulation und Motivationen für das schnelle Durchschauen einer Serie erfassten.

Bis zu 20 Episoden in einer Sitzung

Es überrascht vielleicht nicht, dass ein Mangel an Impulskontrolle und vorausschauendem Denken beides wichtige Prädiktoren für problematisches Binge-Watching sind. Aber auch motivationale Faktoren wie der Wunsch, unterhalten zu werden oder sich nicht zu langweilen, spielten eine wichtige Rolle.

Das interessanteste Ergebnis der Studie war, dass motivationale Faktoren stärkere Prädiktoren für problematisches Binge-Watching waren als persönliche Prädispositionen wie Impulsivität, sagte Jolanta Starosta, Hauptautorin und Doktorandin am Institut für Angewandte Psychologie der Jagiellonen-Universität in Krakau, Polen.

Eine weitere Erkenntnis aus den Daten: Der Mangel an emotionaler Klarheit und die Motivation, unterhalten zu werden, erwiesen sich als die stärksten Prädiktoren für die Anzahl der gesehenen Episoden während einer Binge-Watching-Sitzung. Während die meisten Teilnehmer angaben, zwischen zwei und fünf Episoden während einer einzigen Binge-Watching-Sitzung anzusehen, antworteten fast 20 % der Gruppe, dass sie zwischen sechs und 20 Episoden in einer Sitzung ansehen würden.

Dies könnte damit zusammenhängen, dass problematische Binge-Watcher einen Serienmarathon absolvieren, vor allem weil sie ihren Alltagsproblemen entfliehen und ihre Emotionen regulieren wollen, sich aber aus eher unterhaltsamen Gründen dazu entschließen, weitere Episoden von Fernsehserien zu sehen, sagte Starosta.

Ist Binge-Watching hochgradig suchterzeugend?

Bislang kann man nicht unbedingt davon ausgehen, dass Binge-Watching genauso riskant oder schwerwiegend ist wie andere Suchtverhaltensweisen. Auch wenn es Ähnlichkeiten gibt, müsse erst weitere Forschung betrieben werden, sagte Starosta. Die Psychologen haben herausgefunden, dass Ängste und Depressionen signifikante Prädiktoren für problematisches Binge-Watching sind.

Auch die Streaming-Dienste selbst können das Binge Watching beeinflussen. Cliffhanger-Enden ermutigen die Zuschauer zum Klick auf die nächste Folge, während einige Plattformen automatisch eine Warteschlange einrichten und die nächste Sendung starten, kurz nachdem der Abspann der letzten Folge läuft.

Ein paar Sekunden für die Entscheidung, ob man weiterschauen soll oder nicht, reichen nicht aus für das Treffen rationaler Entscheidungen und können zum Verlust der Kontrolle über die Zeit führen, die man mit dem Ansehen von Fernsehsendungen verbringt, sagt Starosta. Einige Plattformen haben jedoch bereits einige Änderungen vorgenommen, um den Zuschauern bei der Verhaltenskontrolle zu helfen. So hat Netflix beispielsweise die Option hinzugefügt, die automatische Wiedergabe einer weiteren Folge zu deaktivieren.

Die Forscher räumten Grenzen der Studie ein, da sie sich auf eine rein polnische Freiwilligengruppe konzentrierte. Zukünftige Forschungen sollten sich auf andere Nationalitäten erstrecken, sagten die Psychologen.

© Psylex.de – Quellenangabe: Frontiers in Psychiatry (2021). DOI: 10.3389/fpsyt.2021.743870

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