Mütterliche Sozialisation, nicht Biologie, prägt die Gehirnaktivität von Kindern

Mütterliche Reaktion auf positiven Affekt beeinflusst die Auswirkungen des familiären Risikos für Depressionen auf die ventrale striatale Reaktion auf Gewinnbelohnungen bei 6- bis 8-jährigen Kindern

24.03.2022 Kinder von Müttern mit klinischen Depressionen haben ein dreimal höheres Risiko für die Entwicklung einer Depression als ihre Altersgenossen mit geringem Risiko. Forscher arbeiten daran, die neuronalen Grundlagen dieses Risikos zu verstehen, und einige Studien haben bei Risikokindern im Alter von 6 Jahren eine veränderte Belohnungsverarbeitung im Gehirn gezeigt.

Eine offene Frage bleibt, ob Kinder mit einer depressiven Vorgeschichte der Mutter eine biologische Prädisposition für eine gedämpfte neuronale Belohnungsreaktion haben oder ob dies eher von sozialen Faktoren abhängt. Eine neue Arbeit zeigt nun, dass diese gedämpften Reaktionen vom mütterlichen Feedback abhängen, was auf Letzteres hindeutet.

Die Studie wurde in Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging veröffentlicht.

Ventrales Striatum

Forscher beobachten seit langem Veränderungen der Hirnaktivität, die mit Depressionen bei Erwachsenen in Verbindung gebracht werden, insbesondere in einem Hirnareal namens ventrales Striatum (VS), das mit Motivation, Vergnügen und zielgerichteten Verhaltensweisen in Verbindung gebracht wird.

Ebenso haben mehrere Studien gezeigt, dass die Reaktionen des Striatums auf belohnende Erfahrungen bei heranwachsenden Kindern depressiver Eltern abgeschwächt sind, was die spätere Entwicklung einer Depression vorhersagt. Neuere Arbeiten zeigen jedoch, dass diese Hirnveränderungen schon lange vor dem Teenageralter auftreten können, wenn das Risiko für Depressionen in der Regel zunimmt.

Die Studie

Für die aktuelle Studie rekrutierte die Hauptautorin Judith Morgan von der University of Pittsburgh, Pennsylvania, USA, 49 Kinder im Alter von 6 bis 8 Jahren ohne psychiatrische Vorgeschichte. Die Mütter der Kinder hatten zur Hälfte eine klinische Depression, die andere Hälfte hatte keine psychiatrische Vorgeschichte. Um die belohnungsbezogene Gehirnaktivität zu messen, spielten die Kinder ein Videospiel, bei dem sie erraten mussten, hinter welcher von zwei Türen sich eine versteckte Münze befand, während sie sich einer funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) unterzogen.

Depressionen können die Fähigkeit der Eltern zur emotionalen Sozialisierung stören, ein Prozess, bei dem Kinder von den Reaktionen ihrer Eltern auf ihre emotionalen Reaktionen lernen. Zu den positiven Sozialisationsreaktionen gehören Anerkennung, Nachahmung und Ausarbeitung, während negative oder emotional dämpfende elterliche Reaktionen abweisend, entwertend oder bestrafend sein können.

Die an der Studie teilnehmenden Mütter füllten einen umfangreichen Fragebogen zur Erfassung der elterlichen emotionalen Sozialisation aus, wobei ein Dutzend situationsbezogener Vignetten mit positiven Gefühlsäußerungen der Kinder vorgelegt und die Reaktionen der Eltern darauf erfasst wurden.

Verringerte belohnungsbezogene Gehirnaktivität im ventralen Striatum

Auffallend ist, dass Kinder mit einer depressiven Vorgeschichte ihrer Mütter mit größerer Wahrscheinlichkeit eine verringerte belohnungsbezogene Gehirnaktivität im VS aufwiesen, allerdings nur, wenn ihre Mütter weniger enthusiastische und dämpfendere Reaktionen auf die positiven Emotionen ihrer Kinder berichteten, so die Forscher.

„In unserer Studie stand die eigene Depressionsgeschichte der Mütter allein nicht im Zusammenhang mit veränderten Gehirnreaktionen auf Belohnung bei Kindern im frühen Schulalter“, so Dr. Morgan. „Stattdessen hatte diese Vorgeschichte nur in Kombination mit dem Erziehungsverhalten der Mütter einen Einfluss auf die Gehirnreaktionen der Kinder, z. B. in Bezug auf die Fähigkeit, die positiven Emotionen ihres Kindes anzuerkennen, nachzuahmen oder zu vertiefen.“

„Dies ist eine hoffnungsvolle Nachricht, da Interventionen, die darauf abzielen, die Eltern zu ermutigen, positive Emotionen bei ihren Kindern zu fördern, eine starke Auswirkung auf die belohnungsbezogene Entwicklung des Kindes haben können, insbesondere für Familien mit Kindern, die aufgrund einer familiären Vorgeschichte von Depressionen möglicherweise stärker gefährdet sind“, fügte Dr. Morgan hinzu.

© Psylex.de – Quellenangabe: Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, 2022; DOI: 10.1016/j.bpsc.2021.12.014




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