Risikoabneigung: Kopiere andere, um mehr zu wagen

11.05.2022 Risiken zu vermeiden ist nicht immer von Vorteil. Unvorteilhafte Risikoabneigungen fallen schwächer aus, wenn wir bereit sind, von anderen zu lernen. Das erfolgt sogar dann, wenn die Personen, von denen wir lernen, dazu neigen, riskante, aber gewinnbringende Entscheidungen selbst zu vermeiden. Dies zeigen mathematische Modellierungen und groß angelegte Online-Experimente der Sozialpsychologen Dr. Wataru Toyokawa und Professor Wolfgang Gaissmaier von der Universität Konstanz.

Die besten Dinge im Leben sind unwahrscheinlich. In vielen Situationen führt das Eingehen zumindest moderater Risiken zu höheren erwarteten Gewinnen. Doch viele Menschen tun sich schwer, solche Risiken einzugehen: Sie sind übervorsichtig und lassen sich dadurch hohe Gewinne entgehen. „Wir sind jedoch nicht allein mit dieser Problematik, sondern können andere beobachten und von ihnen lernen“, sagt Dr. Wataru Toyokawa. „Wir wollten daher herausfinden, ob soziales Lernen uns auch vor schädlicher Risikoabneigung bewahren kann.“ Die Antwort lautet ja, wie die Autoren vom Exzellenzcluster „Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour“ der Universität Konstanz in einer am 10. Mai 2022 in der Zeitschrift eLife veröffentlichten Studie zeigen.

Andere zu beobachten hilft sogar in voreingenommenen Gruppen
Es ist seit langem bekannt, dass Gruppen bessere Entscheidungen treffen. Sie tragen Informationen oder Beurteilungen zusammen. Dies wird die „Weisheit der Masse“ genannt. Dabei heben sich individuelle Fehler gegenseitig auf. Die Gruppe handelt häufig richtig, auch wenn sich viele Einzelne irren. Die Weisheit der Masse funktioniert hier bei Risikoabwägungen jedoch nicht direkt, denn die Masse beurteilt nicht wirklich weise; stattdessen neigt die Gruppe typischerweise zu einer übermäßigen Risikoabneigung. „Ich habe mich gefragt, wie soziales Lernen in einer solchen Situation noch von Nutzen sein kann“, erklärt Toyokawa. „Einfach die Mehrheit zu kopieren, würde überhaupt nicht helfen, es würde sogar zu einer noch extremeren Risikoabneigung führen. Wenn soziales Lernen also überhaupt hilft, dann muss das über einen anderen Mechanismus geschehen.“

Um diese Mechanismen aufzudecken, entwickelte Toyokawa ein dynamisches mathematisches Modell, das vorhersagte, dass soziales Lernen tatsächlich die Risikobereitschaft fördern kann. Anschließend überprüfte er die Vorhersagen seines Modells in groß angelegten Online-Experimenten mit Menschen. Alle Teilnehmenden spielten ein browserbasiertes Spiel. Dabei konnten sie zwischen einer Reihe von Optionen wählen. Diese stellten sich mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit als gut oder schlecht heraus: „Wenn die Probanden einzeln spielten, ohne Informationen von anderen Teilnehmern zu erhalten, bevorzugten sie überwiegend sichere Optionen mit geringeren Belohnungen“, beobachtete Toyokawa. „Aber wenn soziales Lernen möglich war, also wenn die Teilnehmer sehen konnten, was andere wählten – aber nicht wussten, wie erfolgreich deren Entscheidungen waren –, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass sie riskantere Optionen mit höheren erwarteten Belohnungen wählten.“ Mit anderen Worten: Sozial Lernende treffen riskantere Entscheidungen, die sich auf lange Sicht als gewinnbringender erweisen.

Gelegentliches Kopieren anderer erhöht Entdeckungslust und Beharrlichkeit
„Indem wir die Entscheidungen anderer beobachten, können wir klügere Entscheidungen treffen, auch wenn die Entscheidungen der Einzelnen übermäßig risikoscheu ausfallen“, fasst Toyokawa zusammen. „Hiermit haben wir einen Schlüsselmechanismus identifiziert, der diesem der Intuition widersprechenden Ergebnis zugrunde liegt.“ Die Risikoscheu wird laut dem Psychologen weder dadurch gemildert, dass das Gros die riskante Option wählt, noch werden die Individuen von der Mehrheit angezogen. Vielmehr werden die Entscheidungen der Teilnehmenden risikoreicher, obwohl die Mehrheit von Anfang an die sicherere Alternative wählt – indem sie abwägen zwischen dem, was sie selbst erleben, und dem, was sie bei anderen beobachten.

Wolfgang Gaissmaier betont, dass dies ein eindrucksvoller Beweis für die Fähigkeit des sozialen Lernens ist: „Unter sozialem Einfluss werden Individuen risikofreudiger und beharrlicher beim Ausprobieren der riskanteren, langfristig profitableren Option, auch wenn diese Option sie oftmals kurzfristig enttäuscht. Sobald die individuelle Risikoabneigung sinkt, beschleunigt sich dieser Prozess selbst, da es mehr und mehr Risikofreudige gibt, die kopiert werden können.“

„Die Erkenntnis, dass schädliche Risikoabneigung unter sozialem Einfluss gemildert wird, wird uns helfen, die Entwicklung des Lernens bei sozialer Interaktion besser zu verstehen“, schließt Wataru Toyokawa. „Die Studie deutet darauf hin, dass soziales Lernen unter weitreichenderen Bedingungen von Vorteil ist, als bisher angenommen.“

Publikation: Wataru Toyokawa, Wolfgang Gaissmaier (2022): Conformist social learning leads to self-organised prevention against adverse bias in risky decision making. eLife. DOI: 10.7554/eLife.75308 

Quellenangabe: Pressemitteilung Universität Konstanz

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