Psychische Erkrankung: Veränderungen des Gehirns

Das Gehirn bei psychischen Störungen, Erkrankungen

Klinische Psychologie – psychische Krankheitsbilder

Verschiedene psychische Erkrankungen zeigen ähnliche Verluste an grauer Hirnsubstanz

02.03.2015 Forscher haben ein gemeinsames Muster beim Verlust von grauer Hirnsubstanz bei verschiedenen psychischen Krankheiten entdeckt. Verglichen wurden: verschiedene Angststörungen, Depression, bipolare Störung, Suchterkrankungen, Schizophrenie und Zwangsstörung.

Sollten eher Symptome oder Gehirnpathologie betrachtet werden?

Bisher haben sich MRT-Studien (Magnetresonanztomographie) nur isolierte psychische Störungen angesehen, Wobei die Forscher von der Stanford University School of Medicine „von den Bäumen zurückgetreten sind, um sich den Wald anzusehen. Und sie haben ein Muster in diesem Wald entdeckt, welches die einzelnen Bäume nicht zu erkennen gaben“.

Die Analyse von 193 Studien zeigte einen Verlust an grauer Substanz in drei Gehirnstrukturen, die, obwohl physisch separat, an einem mit höheren Funktionen (einschließlich Planung und Entscheidungsfindung) verbundenen Netz angeschlossen sind. Die Befunde stellen die gängige Praxis infrage, bei der psychische Erkrankungen durch ihre Symptome unterschieden werden, statt durch ihre zugrundeliegende Gehirnpathologie.

„In vielen dieser herausgegebenen Studien, die wir analysierten, versuchten die Wissenschaftler ihre biologischen Befunde in Bezug auf die eine Störung zu interpretieren, auf die sie sich konzentrieren“, sagte Studienautor Amit Etkin in der Zeitschrift JAMA Psychiatry.

Gehirn
Symbolbild

Gemeinsame biologische Basis

„Wir versuchten, eine grundsätzliche Frage zu stellen, die nicht gestellt worden ist: Gibt es irgendeine gemeinsame biologische Basis bei psychischen Krankheiten?“

Das Forscherteam untersuchte Daten von 193 separaten MRT-Studien mit 7.381 Patienten, die in sechs diagnostische Kategorien fielen: Schizophrenie, bipolare Störung, klinische Depression, Suchtkrankheit, Zwangsstörung und einer Gruppe verschiedener Angststörungen.

Sie verglichen die MRT-Abbildungen mit jenen von 8.511 gesunden Kontrollteilnehmern und identifizierten drei separate Gehirnstrukturen, die wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Diese zeigten ein vermindertes Volumen der grauen Substanz, des Hirngewebes, welches die Informationen verarbeitet. Der Verlust der grauen Substanz in den drei Gehirnstrukturen (die linke und rechte vordere Insula und der dorsale anteriore Gyrus cinguli) war bei allen Patienten (mit verschiedenen psychischen Störungen) ähnlich.

Alarmglocke des Gehirns

Diese Strukturen können als die Alarmglocke des Gehirns betrachtet werden, sagte Etkin. Sie arbeiten zusammen, und signalisieren anderen Gehirnregionen, wenn die Realität von den Erwartungen abweicht: dass etwas Wichtiges und Unvorhergesehenes geschehen, oder etwas wichtiges Erwartetes nicht eingetroffen ist.

Weitere Analysen zeigten, dass der Rückgang der grauen Substanz in den drei involvierten Gehirnstrukturen unabhängig von der Anwendung von Medikamenten oder sich überlappenden psychiatrischen Bedingungen war.

Depression

Zusätzlich zum Verlust der grauen Hirnsubstanz in jenen drei Schlüsselbereichen zeigten klinische Depressive auch noch einen Rückgang der grauen Substanz in anderen Hirnstrukturen wie dem Hippocampus und der Amygdala. Dies sind zwei wichtige Regionen, die bei der Speicherung von Erinnerungen und der Verarbeitung der Emotionen eine wichtige Rolle spielen.

Schizophrenie

Schizophrene zeigten auch eine reduzierte graue Substanz in mehreren anderen Strukturen, aber auch eine Zunahme der grauen Hirnsubstanz im Striatum. Etkin legt nahe, dass dies möglicherweise eher an den antipsychotischen Medikamenten läge als an der Krankheit selbst.

© PSYLEX.de – Quellenangabe: Stanford University Medical Center, JAMA Psychiatry; März 2015

Studie: Analyse struktureller Anomalien im Gehirn bei sechs schweren psychischen Störungen

07.07.2020 Eine in Biological Psychiatry veröffentlichte Studie hat Struktursignaturen im Gehirn identifiziert, die mit psychischen Erkrankungen verbunden sind.

Die Forscher um Nils Opel und Janik Goltermann vom Fachbereich Psychiatrie der Universität Münster verglichen Daten aus mehreren Studien, um strukturelle Anomalien im Gehirn zu finden, die vier verschiedenen schweren psychischen Störungen gemeinsam sind. Die Forscher fanden auch Hirnsignaturen, die für einzelne Erkrankungen einzigartig waren.

Das Team analysierte vom internationalen Forschungskonsortium ENIGMA (Enhancing Neuro Imaging Genetics through Meta Analysis) gesammelte Daten, das genetische und bildgebende Studien zum Verständnis von Hirnerkrankungen nutzt. In den 11 multizentrischen Studien wurden Gehirn-Bildgebungsdaten von über 12.000 Menschen erfasst.

Depression, bipolare Störung, Schizophrenie und Zwangsstörung

Die Neurowissenschaftler fanden heraus, dass vier schwere psychische Erkrankungen (klinische Depression, bipolare Störung, Schizophrenie und Zwangsstörung) eine überraschend hohe Ähnlichkeit der strukturellen Anomalien ihrer Gehirne aufwiesen, schreiben die Forscher.

Die gemeinsamen Hirnareale mit strukturellen Aberrationen befanden sich hauptsächlich in kortikalen Bereichen, die mit kognitiver Verarbeitung, Gedächtnis und Selbstbewusstsein verknüpft sind.

Regionale Anomalien für bestimmte psychische Störungen

Außerdem konnten sie regionale Anomalien mit hoher Spezifität für bestimmte psychische Störungen identifizieren. Diese ausgeprägten strukturellen Unterschiede traten manchmal im gleichen Gebiet zweier psychiatrischer Krankheiten auf, jedoch in umgekehrter Ausrichtung zur Norm.

Das Auffinden regionaler Anomalien, die spezifisch für individuelle psychische Erkrankungen sind, könnte dazu beitragen, den Schwerpunkt der zukünftigen psychiatrischen und neurowissenschaftlichen Forschung auf Hirnregionen zu verlagern, die für störungsspezifische biologische Prozesse zentral zu sein scheinen, und damit die Entdeckung von Mechanismen erleichtern, die der Entstehung spezifischer psychiatrischer Störungen zugrundeliegen, sagte Opel.

ADHS und Autismus

Im Gegensatz dazu teilten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Autismus-Spektrum-Störungen keine strukturellen Signaturen im Gehirn mit anderen Störungen.

Dies könnte daran liegen, dass diese psychischen Störungen als Entwicklungsstörungen mit einer anderen Ätiologie als die anderen psychiatrischen Erkrankungen angesehen werden, die mehr Gemeinsamkeiten haben, schreiben die Studienautoren.

© PSYLEX.de – Quellenangabe: Biological Psychiatry (2020). DOI: 10.1016/j.biopsych.2020.04.027

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