Nach einem Trauma: Dissoziation und die psychische Gesundheit

Anhaltende Dissoziation und ihre neuronalen Korrelate bei der Vorhersage von Behandlungsergebnissen nach Traumaexposition

22.06.2022 Die Ergebnisse der größten prospektiven Studie ihrer Art deuten darauf hin, dass bei traumatisierten Personen das Vorhandensein von Dissoziation – ein tiefgreifendes Gefühl der Loslösung vom eigenen Selbst oder von der Umgebung – ein hohes Risiko für die spätere Entwicklung von schwerem posttraumatischen Stress, Depressionen, Angstzuständen, körperlichen Schmerzen und sozialen Beeinträchtigungen darstellen kann.

Die von Forschern des McLean Hospital geleitetete Studie wurde im American Journal of Psychiatry veröffentlicht.

Dissoziative Symptome

Dissoziation kann bei der Bewältigung eines Traumas helfen, indem sie eine gewisse psychologische Distanz zu dem Erlebnis schafft, aber zu einem hohen Preis – Dissoziation ist oft mit schwereren psychiatrischen Symptomen verbunden, sagte die Studienautorin Dr. Lauren A. M. Lebois, Direktorin des Dissoziative Disorders and Trauma Research Program am McLean Hospital und Assistenzprofessorin für Psychiatrie an der Harvard Medical School.

„Trotzdem werden dissoziative Symptome nach wie vor zu wenig erforscht und zu wenig diagnostiziert, weil es in der medizinischen und klinischen Praxis an entsprechendem Hintergrundwissen mangelt.“

Auswirkungen von Derealisation

Um Erkenntnisse zu gewinnen, untersuchten Lebois und ihre Kollegen Daten aus der Advancing Understanding of RecOvery afteR traumA (AURORA) Studie. Die Daten bezogen sich auf 1.464 Erwachsene, die in 22 verschiedenen Notaufnahmen in den Vereinigten Staaten behandelt wurden und angaben, ob sie eine schwere Form der Dissoziation – Derealisation genannt – erlebt hatten. Außerdem wurden bei 145 der Patienten während einer emotionalen Aufgabe bildgebende Untersuchungen des Gehirns durchgeführt. Drei Monate später erfassten die Forscher Nachuntersuchungen zu posttraumatischem Stress, Depressionen, Schmerzen, Angstsymptomen und Funktionseinschränkungen.

Das Forscherteam fand heraus, dass über Derealisation berichtende Patienten bei der Nachuntersuchung nach drei Monaten tendenziell ein höheres Maß an posttraumatischem Stress, Angst, Depression, Schmerzen und funktionellen Beeinträchtigungen aufwiesen. Darüber hinaus sagten sowohl die selbstberichteten Umfrageergebnisse als auch die Ergebnisse der Hirnbildgebung – die auf eine Derealisierung hindeuteten – eine Verschlechterung der posttraumatischen Belastungssymptome bei der Nachuntersuchung voraus – selbst nach Berücksichtigung der posttraumatischen Belastungssymptome zu Beginn der Studie und der Traumaanamnese der Kindheit.

Die Ergebnisse zeigen die Bedeutung eines Screenings von Patienten auf dissoziationsbedingte Symptome nach einem Trauma, um Risikopersonen zu identifizieren, die von frühzeitigen Interventionen profitieren könnten.

Die Wissenschaftler entdeckten, dass Derealisation mit einer veränderten Aktivität in bestimmten Hirnregionen verbunden war, die mit Hilfe der Bildgebung des Gehirns nachgewiesen werden konnte.

„Daher ist anhaltende Derealisierung sowohl ein früher psychologischer Marker als auch ein biologischer Marker für schlechtere psychiatrische Ergebnisse zu einem späteren Zeitpunkt, und ihre neuronalen Korrelate im Gehirn können als potenzielle künftige Ziele für Behandlungen zur Vorbeugung von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) dienen“, sagte die Koautorin Dr. Kerry J. Ressler.

Die Forscher hoffen, dass ihre Ergebnisse das Bewusstsein für diese Symptome und ihre möglichen Nachwirkungen schärfen werden.

© Psylex.de – Quellenangabe: American Journal of Psychiatry (2022). DOI: 10.1176/appi.ajp.21090911

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