Psychose und das Gehirn

Psychische Erkrankungen / Störungen

Faltet das Muster des Gehirns einen 'Fingerabdruck' für Psychosen?

08.10.2014 Jeder, der Bilder oder Muster des menschlichen Gehirns gesehen hat, weiß, dass die äußere Schicht (Kortex) auf eine komplizierte Weise in "Hügel" (Gyri) und "Täler" (Sulci) gefaltet ist.

Man weiß, dass die Muster der kortikalen Faltung im Wesentlichen bei gesunden Menschen gleichbleibend sind. Störungen bei den kortikalen Faltungsmustern lassen auf tiefere Störungen der Gehirnstruktur und Funktion (wie z.B. Psychosen) schliessen.

Schizophrenie ist mit einer Verringerung der Komplexität der kortikalen Faltungsmuster verbunden, was auf Defizite bei den strukturellen Verbindungen zwischen den Gehirnregionen schließen läßt, laut einer in Biological Psychiatry veröffentlichten Studie.

"Die kortikale Faltung selbst mag gar nicht so wichtig sein, aber die Störungen in den Verbindungen zwischen den Gehirnregionen (angezeigt durch die Faltung) könnte wichtige Hinweise auf Defizite in der Integrität der Gehirnvernetzung geben, was zu den Symptomen und funktionellen Beeinträchtigungen bei der Schizophrenie führt", sagte John Krystal, Editor von Biological Psychiatry.

Die internationale Studie maß die kortikale Faltung bei Patienten mit psychotischen Störungen, ihren Verwandten 1. Grades und gesunden Kontrollteilnehmern. In der Patienten-Gruppe waren Personen mit Schizophrenie, schizoaffektiver Störung und bipolarer Störung.

Hypogyrie

Autor Matcheri Keshavan, Professor der Harvard Medical School, beschreibt die Ergebnisse:

"Der Hauptbefund war, dass psychotische Störungen durch eine reduzierte Faltung des Kortex in Schlüsselregionen - wie dem Gyrus cinguli (einer mit Denken und Emotionen verbundenen Gehirnregion) charakterisiert sind. Reduktionen kortikaler Faltung können frühe Veränderungen der Gehirnentwicklung dieser psychischen Störungen widerspiegeln. Wir beobachteten diese Veränderungen auch bei den Verwandten ersten Grades mit einem hohen Risiko für psychotische Krankheiten."

Die Studie benutzte Bilddaten von 931 Teilnehmern und ist damit eine der größten ihrer Art. Sie hilft, widersprüchliche Befunde früherer Forschungsstudien aufzulösen, besonders von Schizophreniestudien.

Durch die Konsistenz dieser Daten sowohl bei den Patienten als auch den Verwandten - verglichen mit der Kontrollgruppe - legt diese Studie nahe, dass Hypogyrie (eine geringer ausgeprägte Faltung) das familiäre Risiko für psychotische Erkrankungen markieren könnte.

© PSYLEX.de - Quelle: Biological Psychiatry, September 2014

Dyskonnektivität im Thalamus

07.09.2015 Bei Menschen mit einem hohen klinischen Risiko für Psychosen scheint es einen Beleg für die Dyskonnektivität (Beeinträchtigung der Kommunikation zwischen verschiedenen Gehirnbereichen) des Thalamus zu geben laut einer in JAMA Psychiatry veröffentlichten Studie.

In einer Multicenter-, Fall-Kontroll-Studie (mit zweijähriger Nachuntersuchung) untersuchten Dr. Alan Anticevic und Kollegen von der Yale University, ob die thalamokortikale Konnektivität bei Personen mit einem hohen Psychoserisiko verändert ist.

Dazu wurden die Daten von 243 Menschen mit einem hohen klinischen Risiko für Psychose (von denen 21 ein volles Krankheitsbild entwickelten) und 154 gesunden Kontrollteilnehmern (alle im Alter zwischen 12 und 35 Jahre) analysiert.

Hypokonnektivität (geringere Verknüpfung)

Die Forscher identifizierten eine thalamokortikale Dyskonnektivität bei Hoch-Risiko-Personen, die besonders ausgeprägt bei den Teilnehmern war, die die 'volle' Krankheit entwickelten.

Es wurde eine breite Hypokonnektivität zwischen dem Thalamus und dem präfrontalen und Kleinhirn-Bereichen entdeckt; das Muster war besonders deutlich bei denjenigen, die ein volles Krankheitsbild entwickelten.

Hyperkonnektivität (gesteigerte Verknüpfung)

Es wurde auch eine merkliche Hyperkonnektivität in sensomotorischen Bereichen beobachtet, die ebenfalls am ausgeprägtesten bei den 'vollen' Psychotikern war. Es zeigten sich signifikante Zusammenhänge für beide Muster mit übereinstimmendem prodromalen (den Ausbruch ankündigenden) Symptomschweregrad.

"Die Dyskonnektivität stand in Beziehung mit dem Symptomschweregrad, was die Idee unterstützt, dass die thalamische Konnektivität prognostische Auswirkungen auf das Risiko haben kann, ein volles Krankheitsbild zu entwickeln, schreiben die Autoren.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Yale University, JAMA Psychiatry; Aug. 2015

Erhöhter Blutfluss im Gehirn verbunden mit Entwicklung von Psychose

16.01.2016 Wissenschaftler des King's College London und der Universität Roehampton haben einen Schlüsselmechanismus im Gehirn identifiziert, der mit dem Beginn und der Entwicklung der Psychose verbunden werden kann.

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Bild: Gray's Anatomy (Symbol): Gehirnarterien

Sie benutzten Magnetresonanztomographie (MRT) und fanden heraus, dass 52 junge Menschen mit einem extrem hohen Psychoserisiko ein erhöhtes bzw. 'hyperaktives' Blutflussvolumen hatten - verglichen mit 27 gesunden Kontrollteilnehmern. Betroffen waren die mit dem Beginn von psychotischen Krankheiten verbundenen Gehirnregionen: Hippocampus, Striatum und Mittelhirn.

Diese in der Zeitschrift American Journal of Psychiatry veröffentlichten Befunde bestätigen Ergebnisse aus der Tierforschung, die bereits zeigen konnten, dass eine erhöhte Aktivität in diesen Gehirnregionen die Entwicklung von Psychose-artigen Symptomen vorantreibt.

Die Forscher wiederholten nach 18 Monaten die MRT-Scans, um die Gehirne auf Veränderungen des Blutflusses zu untersuchen. Bei den Teilnehmern, deren Symptome sich aufgelöst hatten, stellten die Forscher eine Normalisierung des Ruhe-Blutflusses im Hippocampus - auf das Niveau der Kontrollteilnehmer - fest.

Dies legt nahe, dass die Normalisierung des Blutflusses im Hippocampus einer klinischen Verbesserung bei diesen Teilnehmern zugrundegelegen hat.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: King's College London, Universität Roehampton, American Journal of Psychiatry; Dez. 2015

Hinweise auf eine Psychose treten in der kortikalen Faltung auf

25.04.2018 Eine in der Fachzeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlichte Studie untersuchte, ob bereits Menschen mit einem erhöhten Psychoserisiko schon Änderungen der anatomischen Struktur im Gehirn zeigen.

Dr. Tushar Das von der Universität Western Ontario und Kollegen scannten die Gehirne und analysierten die Daten von 79 Teilnehmern mit erhöhtem Psychoserisiko (16 entwickelten später eine voll ausgeformte Psychose), 38 Personen mit einer ersten psychotischen Episode und 44 gesunden Kontrollteilnehmern.

Die neuronalen Gehirnverbindungen stellten sie mit Hilfe von Magnetresonanztomographie und mathematischen Verfahren nach, mit denen sich das neuronale Knotennetz annähernd darstellen lässt.

Die Ergebnisse ergaben, dass die Windungen der einzelnen Gehirnbereiche bei Menschen mit Ersterkrankung und hohem Risiko nicht so gut miteinander verbunden und stärker separiert waren - verglichen mit den Hirnwindungen der gesunden Teilnehmer.

Und die Befunde zeigten, dass sich mit Hilfe dieses Verfahren mit einer Wahrscheinlichkeit von über 80 Prozent prognostizieren liess, welche der Risikopersonen später eine Psychose entwickelten und welche nicht.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: JAMA Psychiatry (2018). DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2018.0391

Verbindungen zwischen körperlichen Eigenschaften, wie Alter und Body-Mass-Index, und der Gehirngesundheit

04.06.2018 Forscher des Mount Sinai haben zum ersten Mal das komplexe Geflecht von Verbindungen zwischen körperlichen und Verhaltensmerkmalen - wie Alter, Body-Mass-Index (BMI) und Substanzgebrauch - und spezifischen Mustern der Gehirnstruktur und Hirnfunktionen bei Patienten mit Psychose zeigen können und im Fachblatt JAMA Psychiatry veröffentlicht.

Gehirngesundheit

Die Forscher fanden unter anderem heraus, dass die Gesundheit des Gehirns mit zunehmendem Alter, BMI und Substanzkonsum abnimmt. Aber höhere IQ-Werte wurden positiv mit mehreren Kennwerten der Gehirngesundheit bei Menschen mit Psychose in Verbindung gebracht.

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Bild: Gerd Altmann

Dr. Sophia Frangou vom Fachbereich Psychiatrie der Icahn School of Medicine at Mount Sinai und Kollegen untersuchten Daten von 140 psychotischen Patienten (100 Patienten mit Schizophrenie, 40 Patienten mit bipolarer Störung) und 50 gesunden Probanden.

Sie machten hochauflösende MRT-Hirnscans, um das Hirnvolumen, die kortikale Dicke, die Verbindungen zwischen den Hirnregionen und die Konnektivität der Hirnregionen während mentaler Aufgaben zu messen.

Das Team analysierte dann die Beziehungen zwischen diesen Merkmalen der Gehirnintegrität und den Werten des Alters, der kognitiven Fähigkeiten, des BMI, des Substanzkonsums, der körperlichen Aktivität, psychischer Traumata, der Familiengeschichte psychischer Probleme und der Stärke der psychotischen Symptome.

Studienresultate

Sie fanden heraus, dass ein höheres Alter, ein höherer BMI und schwerere psychotische Symptome negativ mit der kortikalen Dicke und Hirnaktivierung während mentaler Aufgaben verbunden waren.

Umgekehrt zeigte ein höherer IQ positive Verknüpfungen.

Darüber hinaus war der Substanzkonsum negativ mit den Messwerten zum Gehirnvolumen und der Gehirnververnetzung verknüpft.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: JAMA Psychiatry, 2018; DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2017.4741

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