Selbstverletzendes Verhalten, Selbstverletzungen

Psychische Störungen - Selbstverletzungen/Selbstverstümmelungen

Forschungsstudien und News zum autoaggressiven bzw. selbstverletzenden Verhalten.

Definition und Einleitung

SVV steht für Selbstverletzendes Verhalten und tritt in vielen verschiedenen Formen und Variationen auf. Man versteht darunter, dass sich eine Person bewusst oder auch unbewusst Schaden zufügt. Generell kann man zwischen zwei Arten von selbstverletzenden Verhalten unterscheiden: der direkten und der indirekten Art. Die direkte Art äußert sich z.B. durch:

Dies geschieht oftmals nicht in suizidaler Absicht. Nach und nach wird die Erkrankung immer schlimmer. Hat man anfangs damit begonnen, sich nur gelegentlich Verletzungen zuzufügen, so wird dieses Verhalten immer zwanghafter und kann sogar dazu führen, dass man sich täglich und immer extremer verletzt.

Die indirekte Art - auch selbstschädigendes Verhalten genannt - beinhaltet unter anderem: Rauchen, Drogenkonsum bzw. allgemein Suchtkrankheiten, Essstörungen, ungesunde Ernährung, zu wenig Schlaf usw.

Selbstverletzungen bei Jugendlichen nehmen zu

Die WHO berichtet über einen Anstieg bei den Selbstverletzungen unter Jugendlichen: Diese stehen aufgrund ihres modernen Lebensstils unter starkem Druck.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ließ in der Studie Health Behaviour in School-Aged Children (HSBC) 6.000 englische Jugendliche im Alter zwischen 11 und 15 auf ihre psychische Gesundheit und selbstverletzendes Verhalten befragen. Die Studie erscheint im Herbst in voller Länge.

Selbstverletzungen bei Jugendlichen nehmen zu

Etwa 20 Prozent der 15-jährigen gaben zu, innerhalb der letzten 12 Monate sich selbst verletzt zu haben. Im Vergleich dazu waren es noch unter sieben Prozent im Jahr 2002, als das British Medical Journal schon mal eine Umfrage durchgeführt hatte.

Dazu berichteten etwa 45 Prozent der Mädchen und 23 Prozent der Jungen im Alter von 15, sie seien mindestens einmal in der Woche unglücklich.

Die WHO macht die 'toxischen' Entwicklungen bei Internet-Mobbing und sozialen Medien, sowie eine hypersexualisierte Kultur für diese Verschlechterung bei der psychischen Gesundheit verantwortlich.

Die Psychologin und Expertin für psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen Tanya Byron warnte: "Kinder fürchten Versagen. Ihnen wird nicht wirklich die Gelegenheit gegeben, Risiken oder Herausforderungen einzugehen oder mit irgendetwas zu scheitern. Also werden Niederlagen, Versagen, Scheitern zu einem großen Problem für sie. Sie beginnen sich selbst unter großen Druck zu setzen, und deshalb werden sie verwundbar und anfällig für mentale Probleme."

© PSYLEX.de - Quelle: Weltgesundheitsorganisation, Mai 2014

Selbstverletzungen bei 'alternativen' Jugendlichen häufiger

17.07.2014 Eine europäische Studie konnte zeigen, dass etwa die Hälfte (45,5 Prozent) der Teenager in alternativen Subkulturen über selbstverletzendes Verhalten und 17,2 Prozent über Suizidversuche berichteten.

Forscher der Universitäten Ulm und Glasgow untersuchten in ihrer Studie, warum diese Jugendlichen ein so viel größeres Risiko für selbstschädigendes Verhalten zeigen, und inwiefern sich ihre Motivationen von anderen Teenagern unterscheiden.

Die Wissenschaftler befragten 452 deutsche Schüler im Alter von 14-15 Jahren. Gefragt wurde danach, ob sie sich mit einer alternativen Jugendkultur (Gothic, Emo, Punk) identifizierten, oder sich eher den 'Nerds' oder 'Sportlern' zurechneten. Auch wurde nach Risikofaktoren gefragt, die häufig mit Selbstverletzungen verbunden sind, wie:

Motivation

Die überwältigende Anzahl der Teenager in dieser Studie gab als Erklärung (warum sie sich selbst verletzten) an, dass sie damit belastende Emotionen regulieren und Freunden/Familie dadurch diese Verzweiflung mitteilen wollten.

Obwohl frühere Forschungsergebnisse darauf hinwiesen, dass Jugendliche, die sich selbst verletzen, auch häufig Freunde mit selbstschädigendem Verhalten haben, konnte diese neue Studie keine Hinweise darauf finden, dass dieses Verhalten ansteckend ist. Es gaben nur wenige Teenager an, dass sie es taten, um sich mehr als Teil einer Gruppe zu fühlen.

Alternative Jugend-Subkulturen

Die Forscher fanden, dass Jugendliche, die einer alternativen Subkultur angehörten, 3-4 mal wahrscheinlicher sich selbst verletzten und 6-7 mal wahrscheinlicher einen Suizid versuchten als andere Teenager (selbst nach der Berücksichtigung der bekannten Risikofaktoren).

Ein Jugendlicher mit Gothic, Emo oder Punk-Hintergrund hatte ein höheres Risiko für selbstverletzendes Verhalten oder einen Selbstmordversuch als Jugendliche, die wiederholt gemobbt wurden.

Andere soziale Jugendgruppen zeigten kein erhöhtes selbstschädigendes Verhalten: 'Sportler' zeigten die geringste Wahrscheinlichkeit dafür und 'Nerds', die üblicherweise als potentielle Opfer und Außenseiter stereotypisiert werden, zeigten keine erhöhte Wahrscheinlichkeit.

Die Autoren sagen allerdings, dass die Studie keine Ursache-Wirkung-Beziehung herstellt: Es kann also nicht gesagt werden, dass alternative Subkulturen selbstverletzendes Verhalten verursachen. Es könnte genauso zutreffen, dass isolierte Jugendliche mit emotionalen Problemen sich eher von diesen Subkulturen angezogen fühlen.

Weitere Limitationen der Studie waren, dass die Befunde aufgrund von in Fragebögen erfassten Selbstberichten zustande kamen, und dass nur 7,4% der Befragten Angehörige alternativer Subkulturen waren.

In einer früheren Studie in Glasgow mit Goth-Teens zeigten sich allerdings ähnliche Ergebnisse.

© PSYLEX.de - Quelle: Universität Ulm, University of Glasgow, Juni 2014

Notaufnahmen und der 'Teufelskreis der Scham'

13.03.2016 Junge Menschen, die sich selbst verletzen, suchen die Notfallambulanz nur als letzten Ausweg auf - aufgrund von Gefühlen tiefer Scham und Wertlosigkeit laut einer qualitativen Studie der Universität Exeter.

Nur bei schweren Verletzungen oder Komplikationen

Die in der Zeitschrift British Journal of Psychiatry veröffentlichte Studie interviewte 31 junge Menschen im Alter zwischen 16 und 25 zu ihren Wahrnehmungen in Notaufnahmen. Sie erzählten, dass sie vom Krankenhauspersonal eher 'bestrafend' behandelt wurden, und diese Erfahrungen einen Teufelskreis der Scham aufrechterhalten.

Forscher Dr. Christabel Owens und Kollegen fanden heraus, dass die sich selbst verletzenden jungen Leute Notfallstationen nur aufsuchten, wenn ihre Verletzungen zu schwer sind, als dass sie sich selbst zu Hause helfen können, oder wenn es zu Komplikationen kommt.

Bestrafende und stigmatisierende Behandlung

Wenn sie gezwungen sind, medizinische Hilfe aufzusuchen, so tun sie dies mit Gefühlen der Scham und der Selbstverachtung. Diese intensiven negativen Emotionen werden verstärkt, wenn die jungen Leute im Krankenhaus die Behandlung des Personals als strafend und stigmatisierend wahrnehmen.

Eine junge Frau beschrieb, wie sie sich im Anschluss an einen Besuch im Notfallkrankenhaus fühlte: Sie wollte 'nach Hause gehen und die Sache endgültig beenden' (d. h. sie wollte sich töten). Eine andere sagte, dass sie 'nur noch nach Hause wollte, sich die Decke über den Kopf ziehen und vor Scham sterben wollte'.

Möglichkeiten werden vertan

Die jungen Leute beschrieben Begegnungen als positiv, wenn das Personal sie 'völlig normal' oder 'nicht diskriminierend' behandelte, oder wenn sie nett behandelt wurden, was ihre negative Selbsteinschätzung eher positiv beeinflusste als sie aufrechtzuerhalten.

Owens sagte, dass es in Erste-Hilfe-Stationen eine sehr wichtige Möglichkeit gibt, positiv auf Menschen zu wirken, die sich selbst verletzen, und manchmal kann suizidales Verhalten verhindert werden; leider werden die Möglichkeiten oft nicht genutzt.

Er fährt fort: Für das Personal in diesen Notaufnahmen ist es einfach, Menschen mit selbst beigebrachten Verletzungen als 'Zeitverschwender' und 'Aufmerksamkeitssucher' abzutun. Von der Perspektive derjenigen, die sich selbst verletzen, kann aber nichts ferner der Wahrheit sein.

Leider scheint es beim in Notfallaufnahmen arbeitenden Personal den unausrottbaren Glauben zu geben, dass man nicht zu 'nett' sein sollte, denn sonst würde man diese 'schwierigen' Patienten dazu ermuntern weiterzumachen, zurückzukehren und das System (und das arbeitende Personal) würde unter der Last zusammenbrechen. "Unsere Forschung deutet auf das Gegenteil hin: Mitfühlende Fürsorge ist gut für jeden Betroffenen", sagte er.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: University of Exeter, British Journal of Psychiatry; März 2016

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